Wandelndes Blatt: Pflegeleichter Tarnungskünstler

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Wandelndes Blatt„Häh, ich dachte Blätter sind Pflanzen?!“, „Hat sich das Blatt gerade wirklich bewegt?“  oder „Das ist ja echt unglaublich!“ sind Äußerungen, die du häufiger hören kannst, wenn es sich um eine Erstbegegnung mit Wandelnden Blättern handelt. Oder wie es ein ehemaliger Schüler von mir auf den Punkt gebracht hat: „Wow! Voll LOL“.

Wandelnde Blätter?

Wandelnde Blätter sind perfekt getarnte Insekten, die äußerlich von „echten“ Blättern kaum zu unterscheiden sind (vor allem im Blattwerk, geschweige denn im Dschungel!) und auch in ihrem Verhalten beeindrucken. Werden sie beispielsweise angepustet, schaukeln sie leicht hin und her, wie Blätter im Wind. Im Lauf der Evolution hat sich die Tarnung, die wissenschaftlich korrekt als „Mimese“ bezeichnet wird, perfektioniert und dient dem Schutz vor Fressfeinden. Klar, wer nicht entdeckt wird, der landet auch nicht auf dem sprichwörtlichen Teller.

Wandelnde Blätter sind so gut getarnt, dass es selbst routinierten Haltern schwer fällt, diese Insekten im Blattwerk zu entdecken. Das Aufspüren ist übrigens eine Tätigkeit, die immer wieder spannend ist und Freude bereitet. Und wenn man sich intensiv mit dieser Insektenfamilie beschäftigt, dann lernt man auch genau hinzuschauen – etwas, das in unserer schnelllebigen Zeit gar nicht so selbstverständlich ist. Wandelnde Blätter haben, neben der Faszination, die sie auf Menschen auswirken, auch einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie sind extrem pflegeleicht und eignen sich daher auch für Einsteiger in der Terraristik.

Wandelnde Blätter sind aber nicht gleich Wandelnde Blätter, denn innerhalb dieser Insektenfamilie werden ca. 50 Arten unterschieden bzw. so viele Spezies sind bislang wissenschaftlich beschrieben worden. Da beständig neue Taxa entdeckt werden, ist davon auszugehen, dass die Zahl zukünftig noch steigen wird.

Für die Haltung und Pflege von Wandelnden Blättern kommen allerdings gar nicht so viele Arten in Frage. Die am häufigsten in deutschen Terrarien anzutreffende Art ist vermutlich Phyllium siccifolium von den Philippinen. Einige Wissenschaftler sind der Auffassung, dass diese in Europa gehaltene Art eine eigenständige ist, die als Phyllium philippinicum zu bezeichnen ist. Diese Ansicht wird aber nicht von allen Fachleuten geteilt. Kritiker entgegnen, dass das letztgenannte Taxon lediglich ein nicht näher bestimmter Hybrid ist. Wie dem auch sei: Wenn man in einschlägigen Internetseiten nach Wandelnden Blättern sucht, werden unter beiden Namen Tiere angeboten, die mit den weiter unten aufgeführten Haltungsbedingungen gepflegt werden können.

Zur Biologie und zur biologischen Systematik

Die Familie der Wandelnden Blätter (Phylliidae) gehört zur Ordnung der Gespenstschrecken (Phasmatodea, gr. phasma, Gespenst), der auch die echten Gespenstschrecken und die Stabschrecken angehören. Bei Wandelnden Blättern unterscheiden sich Männchen und Weibchen optisch ganz deutlich voneinander. Dieser Geschlechtsdimorphismus von Phyllium äußert sich unter anderem in der Flugfähigkeit. Die flugunfähigen Weibchen sind deutlich größer und schwerer als die flugfähigen Männchen und weisen vollständig verhärtete Deckflügel auf. Die Männchen haben eine schmalere Gestalt, ein geringeres Gewicht und häutige, relativ kleine Vorderflügel. Manche Wandelnde Blätter sind zur Jungfernzeugung (Parthenogenese) fähig, d. h. Weibchen sind auch ohne männlichen Partner dazu in der Lage, Nachwuchs zu zeugen. Parthenogenese gilt bei Phyllium giganteum und Phyllium bioculatum als nachgewiesen.

Aus biologischer Sicht besonders faszinierend ist es, die Regeneration von Gliedmaßen zu beobachten oder zuzusehen, wie sich Wandelnde Blätter totstellen (Der Totstell-Reflex wird als Thanatose bezeichnet), wenn sie sich bedroht fühlen.

Natürliche Verbreitung, Ernährung und Lebensweise

Die natürliche Verbreitung der Phylliidae erstreckt sich von den Seychellen über Indien, China, Philippinen, Indonesien und Neuguinea bis zu den Fidschi-Inseln. Das Hauptverbreitungsgebiet ist aber Südostasien.  Phyllium siccifolium kommt in verschiedenen lokalen Formen in Indien, China, Malaysia und den Philippinen vor. In der tropischen und subtropischen Heimat ernähren sich die phytophagen (= Blätter fressenden) Landinsekten vom Laub von Guave, Mango, Rhambutan, Kakao, Mirabilis etc. Bei Haltung und Pflege kann auf das Laub heimischer Rosengewächse, wie z. B. Brombeere (immergrün!), Himbeere, Wildrose etc. zurückgegriffen werden, aber auch auf das Laub von Trauben- und Stieleiche.

Haltung und Pflege

Unverzichtbar für die Haltung und Pflege Wandelnder Blätter ist die Verwendung eines Terrariums. Hierzu sind Raupenkästen, Glasterrarien und übergangsweise auch Plastikterrarien geeignet. Du musst in jedem Fall auf eine gute Belüftung achten. Der Boden kann mit Torf bedeckt sein oder aber auch mit trockenem, anorganischen Substrat (z. B. Vermiculit, Kiesel). Auch die Auslage mit Küchenpapier ist sinnvoll, da so Eier besser aufgesammelt werden können. wandelndes BlattDer Arbeitsaufwand bei bedecktem Boden  ist allerdings deutlich geringer als beim wöchentlichen Wechsel der Küchenrolle. Gelegentlich ist der organische oder anorganische Belag trotzdem auszutauschen, da die Exkremente der Tiere ansonsten unansehnliche und unhygienische Ausmaße annehmen. Dabei solltest du darauf achten, Eier nicht unnötig zu entsorgen.

Die Größe des Terrariums solltest du nicht zu gering wählen. Für ein erwachsenes Pärchen sollte die Mindestgröße 25 cm x 25 cm  x 40 cm (Höhe!) betragen, bei einer größeren Anzahl an Pfleglingen entsprechend mehr. Die abgeschnittenen Zweige der Futterpflanzen einfach in einem Gefäß im Terrarium platzieren und regelmäßig ausgetauschen. Faulendes Laub und modriges Gehölz solltest du aus Krankheitsgründen verhindern.

Das zusätzliche Aufstellen von Wassertränken ist nicht notwendig, da die Insekten meistens die notwendige Flüssigkeit über die verzehrten Pflanzen aufnehmen. Aber du kannst in der Haltung auch häufiger Tiere beobachten, die aktiv Wassertropfen an Blättern und an den Wänden zu sich nehmen. Insbesondere erwachsene Weibchen haben einen erhöhten Flüssigkeitsbedarf. Die Temperatur im Terrarium sollte auf jeden Fall über 20 °C liegen. 27 °C solltest du nicht überschreiten. Ideal sind ca. 23 °C. Hier kannst du eine hohe Aktivität der Tiere beobachten und Krankheiten treten seltener auf.

Um dies zu verwirklichen kannst du eine Wärmelampe anschließen oder aber ein Heizkabel bzw. eine Heizmatte verwenden. Bei den beiden letztgenannten technischen Hilfsmitteln musst du beachten, dass das Gefäß mit den Futterpflanzen nicht in direkten Kontakt mit der Heizung steht, da sich dann das Wasser zu sehr erwärmt und Fäulnisprozesse in Gang gesetzt werden, die unnötige Arbeit (häufigeres Wechseln der Futterpflanze)  und ggf. auch Erkrankungen herbeiführen. In vielen Wohnräumen lässt sich aber die Innentemperatur des Terrariums durch die normale Zimmertemperatur erreichen. Die Luftfeuchtigkeit sollte ca. 60 bis 80 % betragen. Staunässe ist aus gesundheitlichen Gründen zu verhindern. Achte auf eine ausreichende Luftzirkulation!

TIPP

Hierzu empfehle ich dir, täglich destilliertes Wasser – bei Leitungswasser kommt es zu Kalkablagerungen an den Glaswänden – mit Hilfe einer Sprüh-Flasche ins Terrarium zu sprühen. Die Tiere solltest du nicht direkt besprühen, da sich an nicht trocknenden Wasserstellen auf dem Außenskelett Krankheitserreger einnisten und vermehren können. Alternativ kannst du einen Ultraschall-Nebler einsetzen. Allerdings muss der erforderliche Wasserbehälter regelmäßig gereinigt werden und dieser nimmt zusätzlich relativ viel Platz in Anspruch. Aber der Ultraschall-Nebler ist optimal zur Versorgung der Tiere übers Wochenende. Sogenannte Regenwald-Sprühanlagen sind prinzipiell auch denkbar. Zur Kontrolle von Temperatur und Luftfeuchtigkeit solltest du auf jeden Fall ein Thermometer und ein Hygrometer im Terrarium anbringen.

Fazit

Wandelnde Blätter sind faszinierende Insekten, die pflegeleicht und kostengünstig in der Haltung sind, und die dich über Jahre hinweg „fesseln“ können.

 


Michael Freund ist hauptberuflich Lehrer an einer bayerischen Mittelschule mit einem Faible für die belebte Natur. In seinem Studium absolvierte er Biologie als Didaktikfach. Nebenbei engagiert er sich als Autor für diverse Zeitschriften und ist tatkräftiges Mitglied in verschiedenen Vereinen, unter anderem bei den „Sukkulentenfreunden Passau“.


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Kommentare, Fragen und Antworten
  1. L. Koen sagt:

    Guten Tag,
    gibt es einen Tipp, wo diese Tiere (aus guter Haltung) zu erwerben sind?
    Freundliche Grüße

    1. ZooRoyal sagt:

      Hallo Leah,

      am besten informierst du dich in einem Fachhandel vor Ort. 🙂

      Viele Grüße,
      dein ZooRoyal Team

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