Verhaltensanalyse als Basis für deine Katzenerziehung

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Verhaltensanalyse KatzenDu möchtest deine Katze erziehen? Und du möchtest dabei freundliche Methoden einsetzen und das Beste für dich und für deine Katze erreichen? Dann lohnt es sich, dass du umsichtig und methodisch vorgehst. Für viele Verhaltensweisen gilt: Wenn wir verstehen, warum eine Katze etwas tut oder lässt, dann können wir sie recht gut in die gewünschte Richtung lenken.

Das ABC der Verhaltensanalyse

ABC steht in diesem Fall für englische Begriffe, die in der sogenannten funktionalen Verhaltensanalyse verwendet werden. Diese können dich anleiten, unterschiedliche Aspekte am Verhalten deiner Katze genau anzuschauen:

A (Antecedents) – Auslöser und Ursachen:

  • Welche Faktoren gingen dem Verhalten deiner Katze voraus?
  • Was tat sie vorher?
  • Was hat sie unmittelbar vorher erlebt?
  • Was haben zum Beispiel du, dein Kind oder eine andere Katze getan?
  • Was ist in den Minuten, Stunden und Tagen zuvor geschehen?
  • Wie ging es deiner Katze, als sie das Verhalten begonnen hat? War sie fröhlich, ängstlich, hungrig, wütend?
  • Wie ging es ihr gesundheitlich?

B (behaviour) – Verhalten:

  • Was tut deine Katze eigentlich genau?
  • Was tust du genau oder die Person oder die andere Katze, die am Verhalten vielleicht beteiligt sind?

Versuche alles detailliert zu beschreiben und dabei nicht zu interpretieren oder zu werten.

Statt: „Meine Katze hat die Gelegenheit genutzt und sich das Fleisch geklaut“, wäre die Beschreibung: „Meine Katze ist auf den Tisch gesprungen, hat ein Stück Fleisch ins Maul genommen und ist damit ins Wohnzimmer gelaufen.“

Statt „Meine Katze ist ausgetickt“ könnte die Beschreibung lauten: „Meine Katze hat geknurrt, ist etwas zurückgewichen und hat sich hingekauert. Als ich die Hand nach ihr ausstreckte, um sie zu beruhigen, hat sie mit ausgefahrenen Krallen nach meiner Hand geschlagen und mich verletzt.“

Zur Beschreibung des Verhaltens gehören auch Details der Körpersprache:

  • Wie entspannt oder angespannt ist deine Katze?
  • Wie ist die Stellung ihrer Ohren, wie die des Schwanzes?
  • Welche Größe haben die Augen und Pupillen? Ist das Fell glatt?
  • Wie bewegt sie sich?

Aus solchen Informationen kann im nächsten Schritt fundiert interpretiert werden, welche Gefühle deine Katze zu ihrem Verhalten veranlasst haben. Die eben beschriebene knurrende Katze ist zurückgewichen. Dabei hatte sie womöglich große Pupillen und die Ohren abwehrend seitlich an den Kopf gelegt. Die Bewegung und Mimik würden dann beide für Angst oder Unbehagen sprechen. Eine Katze hingegen, die kurz an dein Bein springt und dann im Hoppelgalopp hinfort rennt, hat sich einen Scherz erlaubt.

C (consequences) – Konsequenzen:

  • Was bewirkt deine Katze für sich selbst durch ihr Verhalten?
  • Welche Bedürfnisse kann sie dadurch stillen?
  • Welche für sie angenehmen Dinge kann sie dadurch erreichen?

Vielleicht kann deine Katze zum Beispiel durch Miauen deine Aufmerksamkeit bekommen oder dafür sorgen, dass ihr Hunger gestillt wird.

Aber auch: Welche unangenehmen Sachen kann sie durch ihr Verhalten verhindern oder beenden? Die knurrende Katze beendet durch das Kratzen die Berührung, die für sie in diesem Moment offenbar unpassend ist.

Katzen lernen durch die Folgen ihres Verhaltens. Zieht ein Verhalten etwas Unangenehmes nach sich und verbindet die Katze das Unangenehme mit ihrem Verhalten, dann wird sie künftig gehemmt sein, dieses Verhalten (in ähnlichen Situationen) zu zeigen. Erlebt sie die Konsequenzen hingegen als angenehm, dann wird sie es wahrscheinlich erneut zum Einsatz bringen.

Verhaltensstrategien oder: Üben übt!

Je häufiger eine Katze ein Verhalten ausübt, desto mehr wird es zu einer Gewohnheit oder auch zu einer automatischen Reaktion. Und desto schwieriger wird es für deine Katze, in einer ähnlichen Situation künftig ein anderes Verhalten auszuprobieren bzw. für dich, sie zu einem anderen Verhalten anzuregen. Fachleute sprechen dann von verfestigten Verhaltensstrategien. Die Katze hat gelernt, dass ein bestimmtes Verhalten für sie im weitesten Sinne erfolgreich ist. Sie zeigt es inzwischen, weil sie es halt immer so macht. Das funktioniert bei Katzen ebenso wie bei uns Menschen.

Was heißt das für Katzenerziehung?

1. Beobachtung

Beobachte und analysiere das Verhalten deiner Katze.

  • Zeigen sich typische Zusammenhänge?
  • Kannst du Muster finden?

Beispiel: Die Kabbeleien zwischen meinen Katzen Mia und Lucky entstehen vor allem kurz vor der Fütterungszeit.

Mia wird dann schnell aggressiv, wenn Lucky ihr zu nahe kommt. Nach dem Fressen hat sie damit aber offenkundig kein Problem.

2. Auslöser und Ursachen erkennen

Finde die Auslöser und Ursachen für unerwünschtes Verhalten und verändere sie. Beispiel: Es könnte sein, dass Hunger bei Mia ein Auslöser für aggressives Verhalten gegenüber Lucky ist.

Überlege, ob du die Fütterungszeiten ihren Bedürfnissen anpassen kannst, vielleicht mit Hilfe eines Futterautomaten. Viele Katzen sind entspannter mit häufigen kleinen Mahlzeiten, statt weniger großer.

Beobachte, ob Mia seltener aggressiv gegenüber Lucky wird, wenn du ihren Hunger gar nicht erst so groß werden lässt.

3. Frühzeitige Reaktion

Werde frühzeitig aktiv und greife umsichtig ein, statt das unerwünschte Verhalten geschehen zu lassen und dann darauf zu reagieren.

Je seltener deine Katze Erfahrungen mit diesem Verhalten sammelt, das für sie selbst vielleicht lohnenswerte Konsequenzen hat, desto besser.

Katzenhaltung mit KöpfchenBeispiel: Mia lernt schnell, dass es ihr gut tut, sich kurz an Lucky abzureagieren. Sie kann dadurch Spannung abbauen. Leider überträgt Mia das in andere Situationen. Sie nutzt Lucky bald auch als Blitzableiter, wenn sie gelangweilt ist und von dir keine Aufmerksamkeit bekommt. Für Lucky ist das allerdings nicht angenehm und mittelfristig kann die Beziehung zwischen den beiden leiden. Deshalb: Wenn du bemerkst, dass Mia unruhig wird, oder wenn du weißt, dass eine kritische Zeit näher rückt, gestalte die Situation. Sofern das möglich ist, versuche Mia dabei zu helfen,  ihre Bedürfnisse zu stillen. Lenke ihre Aufmerksamkeit ggf. auf etwas um, was ihre Stimmung verbessert, oder hilf ihr, eine andere Möglichkeit zum Spannungsabbau zu finden (z.B. ein Laufrad oder ein Baldriankissen) – und zwar bevor der arme Lucky die erste Pfote zu spüren kriegt!

4. Gewünschtes Katzenverhalten 

Überlege dir, welches Verhalten du dir von deiner Katze wünschst. Wähle dabei Verhaltensweisen, die deiner Katze leicht fallen.

Sorge dann dafür, dass dieses Verhalten für deine Katze so oft wie möglich lohnenswert ist!

Tipp: Je besser eine Belohnung zum eigentlichen aktuellen Bedürfnis deiner Katze passt, desto wertvoller – und damit wirkungsvoller – wird sie sein.

Beispiel: Du wünschst dir, dass Mia auf ruhige und freundliche Weise auf ihre Bedürfnisse aufmerksam macht. Du bemerkst durch dein aufmerksames Beobachten, dass sie vor den Attacken auf Lucky oft zu dir kommt und um dich herumstreicht. Du beschließt, künftig auf das Reiben an deinem Bein zu reagieren und es zu einer erfolgreichen Verhaltensstrategie für Mia zu machen. Je nach Situation beantwortest du Mias Reiben an deinem Bein ab jetzt mit Aufmerksamkeit und gemeinsamem Spiel, einem anderen Beschäftigungsangebot oder einer Portion Futter. Perfekt könnte oft eine Kombination aus beidem sein, z.B. ein gefülltes Fummelbrett oder in Küchenpapier eingewickeltes Trockenfutter, das Mia durch Zerfetzen des Papiers erbeuten kann.

Ausblick

Dies ist nur ein kleiner Einblick in die Verhaltensanalyse und deren Anwendung für die Veränderung von Verhalten deiner Katze – Erziehung ist nämlich nichts anderes als Verhaltensveränderung. Manchmal ist es sehr einfach, dieses Schema anzuwenden. In anderen Fällen ist ganz schön schwierig. Gerade wenn das Verhalten, das du verändern möchtest, schon Gewohnheit scheint oder mit starken Gefühlen einhergeht, insbesondere Angst oder Wut, dann lass dir bei dieser Analyse von einer Katzenverhaltensberaterin helfen.

Wenn du möchtest, kannst du in unserem Artikel „So macht Katzenerziehung Spaß“ mehr über den Aufbau von  Wunschverhalten lesen.


Christine Hauschild lebt mit ihrem Kater in Hamburg. Sie betreibt dort seit über 10 Jahren die Katzenschule Happy Miez und berät Halter in allen Fragen rund um das (Problem-)Verhalten ihrer Katzen. Zusätzlich zu ihrer Arbeit als Katzenverhaltensberaterin bietet sie Seminare und Fortbildungen an. Außerdem ist sie Verfasserin mehrerer Katzenratgeber.


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