Kastration bei Hunden: Wann ist sie sinnvoll?

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Kastration - Vor- und NachteileHört man sich in der Hundehalterwelt um, ist das Thema Kastration allgegenwärtig und wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erläutert. Die einen wollen das Bedürfnis der Fortpflanzung unterbinden, wenn nicht gezüchtet wird, die anderen sehen es als eine dringliche Prophylaxe gegen Krebserkrankungen. Wieder andere machen sich weniger Gedanken und lassen kastrieren, da es doch so gemacht wird. Und es gibt auch diejenigen, die gegen eine Kastration sind – vor allem, wenn nicht ein tatsächlicher Grund vorliegt. Hier erfährst du, wann eine Kastration sinnvoll ist.

Eine kleine Statistik, warum in Deutschland kastriert wird

Im Jahre 2008 rief die Erziehungswissenschaftlerin und Hundeexpertin Frau Dr. Gabriele Niepel eine groß angelegte Fragebogenaktion ins Leben. Dies war die sogenannte Bielefelder Kastrationsstudie. An ihr orientieren sich heute noch viele Hundehalter und Fachleute.

Die Studie zeigte, dass ca. 20 % der Hündinnen bereits vor der ersten Läufigkeit kastriert werden, also vor dem Erreichen der eigentliche Geschlechtsreife. Im Lebensalter vor dem Erreichen des 1. Lebensjahres waren es 38%. Als Hauptgrund nannten 80% der Befragten rein medizinische Gründe. Gerade bei Hündinnen ist die Sorge vor beispielsweise einer Gebärmuttervereiterung sehr hoch. Die Kastration ist hier also ein prophylaktischer Eingriff, der Gebärmutterentzündungen und Tumore verhindern soll.

Bei den Rüden zeigte sich ein anderes Bild. 25% betraf eine Frühkastration vor dem Eintritt in die Geschlechtsreife, 56% wurden vor der Vollendung des 2. Lebensjahres kastriert. Auffallend ist hier, dass 74% der befragten Halter als Grund der Kastration Verhaltensgründe angaben. Haben die Rüden ihre soziale Reife erreicht, sinkt der Kastrationswunsch.

Kann eine Kastration Verhalten verändern?

Eine Kastration bewirkt grundsätzlich eine Veränderung im Verhalten eines Hundes. Durch den Eingriff in den Hormonhaushalt sortiert sich das gesamte Hormon- und Stresssystem neu. Sexualhormone sind mit unterschiedlichsten Hormonen gekoppelt, die für soziale Bindungsbereitschaft, natürliche Aggressionsbereitschaft im sozialen Miteinander, Stressempfinden und Wohlgefühl sorgen. Testosteron sorgt unter anderem für einen gesunden Muskel- und Knochenaufbau sowie einen gesunden Stoffwechsel der Myelinschicht, die für die Versorgung der Nervenbahnen und Weiterleitung des Informationsflusses ist.

Um zu verstehen, warum ein Eingriff in diese Entwicklung eine empfindliche Störung sein kann, macht es Sinn, die einzelnen Entwicklungsphasen zu durchleuchten. Also musst du als Hundehalter schon einmal wissen, dass du mit einer Verhaltensveränderung deines Hundes rechnen musst. Wie weit und in welchen Formen sich das Verhalten verändert, ist nicht vorhersagbar. Bei den einen verändert sich „nur“ die Fellbeschaffenheit, bei anderen entfacht ein leidenschaftliches Jagdverhalten.

Die Entwicklungsphasen des Hundes

Welpenzeit

Vom Geburtstag bis zum Ende der sozial sensiblen Phase (Tag 1. bis ca. zur 20. Lebenswoche) ist ein Welpe mit dem Aufbau der neuronalen Bahnen, der Entwicklung der Sinnesorgane, dem vegetativen Nervensystem und Wachstum beschäftigt. Ab der 3. Lebenswoche liegt der Fokus darauf, die lebendige Umwelt (soziale Kontakte jeglicher Art) eigenmotiviert kennenzulernen. Mit dem Eintritt in die ca. 8. Lebenswoche verschiebt sich die Eigenmotivation hin zum Kennenlernen der unbelebten Umwelt. Das bedeutet, dass sich der Welpe mehr mit seiner Umgebung beschäftigt und seine Sinne trainiert.

Juvenile Phase und der Eintritt in die Geschlechtsreife

Ab dem ca. 4. bis 5. Monat ist der Welpe kein Welpe mehr. Mit dem Zahnwechsel und der Vorbereitung auf die Geschlechtsreife begibt sich dein Hund in die Teenagerzeit. Es finden durch die Aktivierung der Geschlechtshormone Umbauarbeiten im Gehirn, Körper und hormonellen Kreislauf statt. Diese Zeit ist für pubertierende Hunde eine neue Erfahrung im Umgang mit sich selbst, ihren sozialen Kontakten und der Umwelt. Der Hund hinterfragt noch einmal die bisher erlernten und gemachten Erfahrungen. Das kann zu Verwirrung, Unsicherheit, Verzögerung von schon Gelerntem und Lernblockaden führen. Auch hier spielen die Hormone verrückt.

Mit dem reinen Blick auf das Verhalten des Hundes ist eine Kastration zu diesem Zeitpunkt nicht empfehlenswert – allerdings spielen auch medizinische Gründe, die der Tierarzt genau in Augenschein nimmt, eine Rolle. Diese müssen bei Erwägung einer Kastration mit berücksichtigt werden. Du solltest dich also im Vorfeld einer möglichen Kastration sowohl mit einem Tierarzt als auch mit einem Hundetrainer besprechen.

Wovon ist der Einfluss der Kastration auf das Verhalten abhängig?

Rüden wie Hündinnen produzieren männliche sowie weibliche Sexualhormone. Durch die Wegnahme des dominierenden Sexualhormons, beim Rüden Testosteron und bei Hündinnen Östrogen, steigt das prozentuale Verhältnis der anderen Hormone an. Es gibt quasi eine Neuverteilung. Der Trend besagt: Rüden können dadurch unsicherer werden, Hündinnen eine intensivere Aggressionsbereitschaft zeigen – natürlich sind auch wieder Ausnahmen die Regel. Auch andere Veränderungen im Verhalten sind möglich.

Du musst wissen, dass eine Kastration den gegenwärtigen Erfahrungs- und Entwicklungsstand sowie das Stimmungsgerüst des Hundes „einfriert“. Die organische Entwicklung wird beeinflusst. Auch spielt der Zeitpunkt eine Rolle, wann eine Kastration durchgeführt werden soll, wenn sie denn durchgeführt werden muss. Eine Hündin sollte nur in extremen Ausnahmesituationen mit medizinischer Indikation während der Läufigkeit kastriert werden. Es empfiehlt sich dagegen ein Zeitraum von 3 Monaten vor bzw. nach der Läufigkeit. Bei einem unsicheren oder ängstlichen Rüden kann es zu stärkerer Selbstschutzaggression kommen, da ihm das sozial fördernde Testosteron und damit die mentale Stärke fehlt, sich mit Konfliktsituationen gesund auseinanderzusetzten.

Wann ist eine Kastration unumgänglich?

Eine Kastration steht außer Frage, wenn ein pathologischer Grund für eine Kastration in den Entwicklungsphasen oder später vorliegt. Tumore, Pyometra, Kryptorchismus (ein Hoden wandert nicht ab), erkranktes Gewebe, usw. sind also wichtige medizinische Gründe. Dein Hund darf nicht leiden, das ist eindeutig in dem Tierschutzgesetz verankert. Gleichzeitig steht dort allerdings auch geschrieben, dass ein Tierarzt einen Hund nicht ohne wichtigen Grund kastrieren darf. Es muss deutlich sein, dass es dem Hund nach dem Eingriff besser geht als vorher. Auch diese Beispiele zeigen, dass man über eine Kastration reden muss und es nicht „mal eben“ geschehen sollte.

Was für Alternativen gibt es?

Für Rüden gibt es eine Möglichkeit, einen Hormon-Chip setzen zu lassen. Dieser Chip unterdrückt für ein halbes Jahr die Ausschüttung von Sexualhormonen, die die Samenproduktion regulieren. Für Hündinnen wird kein Chip genutzt. Stattdessen könnte der Tierarzt auch zum Thema Sterilisation befragt werden, da diese Hormone noch weiter produziert werden, aber die Fortpflanzung unterbunden ist.

Du siehst, dass die Entscheidung, ob eine Kastration hilfreich ist oder nicht, von einer Menge Faktoren abhängig ist und du immer damit richtig liegst, fachlich kompetente Personen zu Rate zu ziehen. Das sollten auf jeden Fall ein Hundetrainer/ Verhaltensberater und ein Tierarzt sein. Deine Lebenssituation und die Individualität deines Hundes sollten abgeglichen werden und daraus eine Entscheidung getroffen werden. Eine Kastration ist eine für immer bleibende Entscheidung. Sie kann nicht rückgängig gemacht werden.

 


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften. Als Dozentin ist Kristina Ziemer-Falke sehr gefragt und deutschlandweit auf Seminaren und Vorträgen zu Themen rund um den Hund anzutreffen.


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