Anatolischer Hirtenhund im Rasseportrait

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Anatolischer Hirtenhund

Anatolischer Hirtenhund

Hütehunde
Herkunft Türkei Lebenserwartung 12 Jahre
FCI-Standard FCI Gruppe 2: Pinscher und Schnauzer - Molosser - Schweizer Sennenhunde Funktion Hütehunde
Größe Riesige Hunderassen Häufige Krankheiten Keine
Gewicht 40-65 kg Felllänge kurzhaar, langhaar
Charakter/Wesen wachsam, wehrhaft, selbständig Fellfarbe weiß bis hellbraun, teils am Kopf dunkel
Besonderheiten

Steht in vielen Bundesländern Deutschlands und Österreichs sowie Kantonen der Schweiz auf den Listen angeblich gefährlicher Hunde

Herkunft und Rassegeschichte

Der Anatolische Hirtenhund ist ein in der Türkei verbreiteter, sehr großer und sehr kräftiger Herdenschutzhund. Er gilt als Nationalhund der Türkei. Er wird in drei Varianten unterteilt: den Akbash, den Karabash und den Kangal, auch Sivas-Kangal genannt. Bis 2017 wurden diese drei unter einem Standard zusammengefasst. Die Varianten durften untereinander gekreuzt werden. Seit der Änderung 2017 wird lediglich der Kangal in diesem Standard beschrieben. In ihren Aufgaben und ihrem Wesen unterscheiden sich die drei Varianten des Anatolischen Hirtenhundes kaum. Ihre äußere Erscheinung ist unterschiedlich. Der große Schweizer Kynologe Hans Räber schreibt, dass die Hirten die drei Varianten sehr genau unterschieden könnten, auch von deren Wesen her und niemals untereinander kreuzen würden. Als Außenstehende können wir die Varianten am ehesten am Aussehen erkennen:

  • Akbash meint Weißkopf und so sind diese Hunde rein Weiß bis hellbraun. Sie können langhaarig oder kurzhaarig sein. Der langhaarige Akbash erinnert zuweilen an den ungarischen Kuvasz oder italienischen Maremmano.
  • Karabash lautet Schwarzkopf und charakterisiert seine schwarze Maske, die er mindestens um Fang und an den Ohrspitzen trägt.
  • Der Kangal – im Original Coban Köpegi – ist dessen Variante in der Region Sivas in Ostanatolien und trägt den Namen einer Adelsfamilie, die sich schon sehr früh mit der Zucht des Anatolischen Hirtenhundes vertraut gemacht hat.

Ob Kangal, Akbash oder Karabash: Der Anatolische Hirtenhund ist in den Bergregionen Anatoliens heimisch. Dort bewacht und behütet er die Schafherden. Er macht diese Arbeit vollkommen selbständig, nicht selten wochenlang von Menschen getrennt. Sie müssen selbständig entscheiden, wie sie sich Fremden gegenüber verhalten. Diese großen und äußerst kräftigen Hunde können ihre Herde auch gegen Bären und Wölfe verteidigen. Das Bewachen und Beschützen des Eigentums und seiner Menschen zählt ebenfalls zu ihren Aufgaben. Legendär ist seine Genügsamkeit und zugleich trotz magerer Kost, die oft nur aus menschlichen Agrarabfällen besteht, seine Robustheit. Es sind archaische Hunde, die es in dieser Form vermutlich mit der Einführung der Viehhaltung überhaupt entstanden sind und das ist nur etwa 10.000 Jahre her. Einem Anatolischer Hirtenhund kann man nichts vormachen. Er hat ein klares Verständnis seiner Rolle. Typischerweise liegt er an einer erhöhten Stelle neben oder innerhalb seiner Herde, so dass er alles in der Umgebung gut beobachten kann. Seine Herde, seine Hirten und dessen Familie sind ihm heilig. Ihnen ist er treu und liebevoll ergeben. Doch allem Fremden ist er misstrauisch und er zögert nicht, bei irgendeinem Zeichen, das er als feindlich interpretiert, auch zuzuschlagen.
Dieses überaus nützliche, ja zum Funktionieren einer solchen Gesellschaft notwendige Wesen passt nicht in eine engräumige hektische Gesellschaft des heutigen Mitteleuropa. Er ist andere Maßstäbe von den menschenleeren Bergen Anatoliens gewohnt. Zudem verteufelt der Zeitgeist des heutigen Deutschlands jede Form von Aggression, die von einem Hund ausgeht. Während noch vor ein oder zwei Generationen die Besitzer eines größeren Grundstück stolz darauf waren, dass ihr Hund verlässlich und im Ernstfall einen Einbrecher furchtlos vertreiben würde, ist eine solche Eigenschaft für den heutigen Hund potenziell lebensgefährlich. Er läuft Gefahr als „gefährlicher Hund“ eingestuft und im Extremfall euthanasiert zu werden. Das ist kein Umfeld für einen Anatolischer Hirtenhund. Und so findet man ihn fast überall auf den Listen vermeintlich gefährlicher Hunde. Der Anatolischer Hirtenhund ist ein Urtyp des Hundes, dem der Mensch in seiner Entwicklung viel zu verdanken hat.
Als Hunderasse ist er seit langem bekannt, beschrieben ja verehrt. In der modernen Rassehundezucht wurde er erst 1989 von der FCI anerkannt. In Deutschland wird der Anatolische Hirtenhund, jetzt als Kangal, von nur sehr wenigen Züchtern betreut, die unmittelbar dem Verband für das deutsche Hundewesen (VDH) angeschlossen sind. Viel öfter findet ein Anatolischer Hirtenhund oder Mixe von ihm, die über den so genannten Tierschutz (Seriosität der Organisation bitte immer prüfen!) nach Deutschland kommen. Sie stellen die Halter regelmäßig vor unlösbare Aufgaben. Sie können in Mitteleuropa kaum ein artgerechtes Leben führen und stellen in Folge dieser menschgemachten Fehler nicht selten eine Gefahr dar. Ein Anatolischer Hirtenhund oder dessen Mixe gehören, wenn sie schon hier gehalten werden sollen, nur in ausgewiesen fachkundige Hände mit entsprechenden räumlichen Möglichkeiten.

Beschreibung

Der Anatolischer Hirtenhund ist ein großer, imposanter und zugleich eleganter, athletischer, beweglicher Hund. Anders als etwa ein Mastiff wurde er nie auf Kraft und Größe im Ausstellungsring gezüchtet. Seine Kraft und Größe sind „Natur“ pur und jederzeit einsatzfähig. Sein Schädel erinnert ein wenig an die Konturen eines Molossers, die auch zu seinen Ahnen zählen sollen. Dabei zeigt er eine hellwache, sehr aufmerksame Mimik. Er ist ein ruhiger aber scharfer Beobachter, was man ihm buchstäblich ansieht. Der Anatolische Hirtenhund hat – je nach Variante – meist ein kurzes, zuweilen auch halblanges, dichtes, doppeltes Haarkleid, das ihn bei Kälte als auch Hitze hervorragend beschützt. Die mittelgroßen Ohren werden flach anliegend, hängend seitlich am Schädel getragen. Früher wurden sie kupiert. Rüden haben eine Widerristhöhe von 74 bis 81 Zentimetern, Hündinnen 71-79 cm. Als Gewicht werden bei Rüden 50 bis 65 Kilogramm, bei Hündinnen 40 bis 55 kg angegeben.

Charakter und Wesen

Der Anatolische Hirtenhund ist ein selbständig agierender Wächter und Beschützer. Seine charakterlichen Qualitäten beschreibt der alte Standard so:

Ausgeglichen und kühn, ohne jegliche Aggressivität, unabhängig, sehr intelligent und führig. Stolz und vertrauenswürdig. Gegenüber seinen Herren ist der Anatolische Hirtenhund anhänglich und loyal, erwachsene Hunde sind Fremden gegenüber jedoch misstrauisch.

Gegenüber anderen Hunden ist ein Anatolischer Hirtenhund meist dominant und eher unverträglich. Diese Wesenszüge zumal bei einem großen und sehr kräftigen, ein großes Revier beanspruchenden Hund sind mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten im heutigen Deutschland kaum vereinbar. Es ist ein großes Erlebnis, mit einem solchen Hund eine enge Bindung eingehen zu können. Doch fast nur in ihrer quasi natürlichen Umgebung Anatoliens können sie ihre hervorragenden charakterlichen Qualitäten zur Entfaltung bringen. Hier zeigt sich dieser großartige, souveräne Hund als fürsorglicher, treuer, anhänglicher Freund. Verfügt man aber nicht über die räumlichen und finanziellen Mittel, ihm in unseren Breiten ein wesensgerechtes Umfeld zu bieten, so wird dies kaum gelingen können. Daher rate ich davon ab, ihn in Deutschland zu halten.

Haltung

Der Anatolische Hirtenhund selbst ist äußerst anspruchslos. Er will und braucht keine Heizung, kein Spielzeug und auch kein Geschirr mit Leine. Er ist in seiner Ernährung ausgesprochen anspruchslos, wie kaum ein Vierbeiner ansonsten. Das gilt ebenso für seine Unterbringung. Er kann problemlos, ja er will das ganze Jahr über draußen verbringen – einen geeigneten Unterschlag vorausgesetzt und „geeignet“ meint hier dezidiert weder Zwinger noch gar Kette. Allerdings braucht er ein ausgesprochen großes Areal, das zu seinem Reich werden kann. Hier wird zudem eine robuste Umfriedung mit einem soliden 2 Meter Stahlzaun empfohlen. Er muss sich in seinem Revier bewegen können. Ein Anatolischer Hirtenhund akzeptiert, ja behütet selbständig und selbstbewusst alle Zwei- und auch Vierbeiner, die er als zu seiner Herde oder Familie gehörig sieht. Er braucht vor allem einen klaren Chef – unbedingt! Allen anderen gegenüber ist er zunächst misstrauisch bis ablehnend. Es erfordert eine enge Bindung und fachkundige Führung, um mit diesem Hund, dem im Zweifel immer Stärkeren, an der Leine spazieren zu gehen und dann etwa an einem aggressiv kläffenden Terrier problemlos vorbeiziehen zu können. Es geht, aber es setzt eine seriöse Zucht, gute Sozialisation und ein erfahrenes, fachkundiges und sehr einfühlsames und zugleich ohne jede Unsicherheit durchgreifendes Herrchen oder Frauchen voraus. Der Anatolische Hirtenhund steht verbreitet auf den Listen angeblich gefährlicher Hunde. Der Anatolische Hirtenhund ist bei weitem kein Hund für Anfänger. Das wäre verantwortungslos. Selbst in der Hand eines erfahrenen Kenners, bedarf es zudem der äußeren Rahmenbedingungen für eine wesensgerechte Haltung. Im Allgemeinen ist ein Anatolischer Hirtenhund für eine Haltung in Deutschland eher nicht geeignet.

Erziehung

Die Erziehung eines Anatolischen Hirtenhunds unter den Bedingungen im heutigen dichtbesiedelten Mitteleuropa ist eine ganz spezielle Herausforderung, die nur ausgewiesenen Experten mit passenden Rahmenbedingungen gelingen kann. Anatolische Hirtenhunde und deren Mixe, die über den so genannten Tierschutz nach Deutschland kommen, stellen die Halter regelmäßig vor unlösbare Aufgaben. Sie können hier in aller Regel kein artgerechtes Leben führen.

Pflege und Gesundheit

Ein Anatolischer Hirtenhund selber ist absolut pflegeleicht und anspruchslos.

Rassetypische Krankheiten

Anatolische Hirtenhunde aus seriöser Zucht erfreuen sich in jeder Hinsicht einer sehr robusten Gesundheit. Leider gibt es viele unseriöse Anbieter Anatolischer Hirtenhunde und deren Mixe, deren Hunde in ihrem Wesen gestört sind und somit sehr gefährlich sein können.

Ernährung

Der Anatolische Hirtenhund stellt keine besonderen Anforderungen an seine Ernährung. Er zählt wohl zu den Hunden mit den geringsten Ansprüchen in dieser Hinsicht.

Lebenserwartung

Anatolische Hirtenhunde haben bezogen auf ihre Größe eine hohe Lebenserwartung von 12 und teils mehr Jahren.

Einen Anatolischen Hirtenhund kaufen

Die Anschaffung eines Anatolischer Hirtenhunds sollten nur ausgewiesene Experten in Erwägung ziehen, die genau wissen, was sie tun, die entsprechende Fachkunde und Haltungsbedingungen zur Verfügung haben.


Christoph JungChristoph Jung Seit seiner Kindheit gehören Hunde zu den besten Freunden des Hundeforschers. Die Beziehung Mensch – Hund ist für ihn ein faszinierendes Thema, das ihn täglich beschäftigt und für das er sich auch öffentlich engagiert. Aus seiner täglichen Forschung entstand das Buch „Tierisch beste Freunde“. Jung lebt mit seiner Familie und seinen Hunden in der Nähe von Halle.


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