Dem Himmel so nah

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Alles Leben beginnt mit einem ersten Atemzug und es endet, wenn kein Atem mehr unsere Lungen hebt und wir unsere Bestimmung auf dieser Seite erfüllt haben. Mein Leben begann mit dem Ende. Es begann auf der anderen Seite. Jenseits des Regenbogens.

Die Ewigkeit

Ich war tot, als ich am 7.5.2019 als nur 120gr schwerer Colliewelpe zur Welt kam. Ein lebloser Körper, der in den Händen meiner Zweibeiner gehalten wurde. Und doch war ich lebendig. Meine ersten Schritte setzte ich in einem Land, in dem der Raum unendlich war und die Zeit nicht existierte. Ich war in der Ewigkeit. Auf immergrünen Wiesen begegneten mir Hunde, die glücklich miteinander spielten, die an Gräsern hier und da vertieft schnupperten oder einfach nur in den sanften Sonnenstrahlen ihre Ruhe genossen. Es gab kein Alter, keine Krankheit, keine geschundenen Seelen. Nur pures Glück und Licht. Als ich mich dort umsah, kamen fünf Collies auf mich zu. Ihr Geruch verriet mir, dass sie mir bekannt waren, dass sie Familie waren. Unsere Schnauzen berührten sich bei der Begrüßung sanft. Ihre Augen waren Spiegel der Erinnerung an ihr Leben mit ihren Zweibeinern. Als ich in sie hineinsah, verbanden sich Seelen. Dabei fühlte ich Seltsames. Einerseits war ich erfüllt durch die Kraft und Energie, die sie mir gaben und andererseits aber war es gleichzeitig in mir dennoch leer. Und ich begriff, was es war. Ich hatte meine Bestimmung noch nicht erfüllt. Es zog mich weg, weg von den Wiesen, weg von meinen Seelenbegleitern, weg von der Ewigkeit.

Kampf ins Leben

Mein erster Atemzug gelangte in Lungen, die noch nicht entfaltet waren. Ein Mund drückte sich auf meine Nase und hauchte weiter Luft in mich. Meine Beinchen zuckten leicht, als das Herz es schaffte, das Blut durch den ganzen Körper bis in sie hinein fließen zu lassen. Ich wurde immer wieder auf und ab geschwungen, damit das Wasser hinaus und die Luft in die Lungen hinein gelangen konnte. Es war ein schwerer und anstrengender Kampf. Doch ich atmete. Mein Herz schlug. Ich lebte. Und schließlich wurde ich zu meinen Geschwistern und meine Mutter gelegt, um Wärme empfangen und den Durst nach meiner langen Reise stillen zu können.

Weiter geht`s

Die Tage vergingen. Zunehmend wurde ich stärker. Meine Augen öffneten sich und ich fing an, meine Umgebung intensiver zu erkunden. Doch anders als bei meinen Geschwistern wollten mir meine Hinterbeinchen nicht gehorchen. Anstatt zu Krabbeln, zog ich die Beine hinterher. Meine Zweibeiner bewegten sie, unterstützten meine Laufbewegungen, brachten mich zum Tierarzt. Meine Beine waren nicht so wie sie sein sollten, aber durch weitere Physiotherapie könnte sich alles richten und die noch weichen Knochen formen. Doch auch das ging irgendwann nicht mehr gut. Ein weiterer Tierarztbesuch ergab, dass ich mir den Oberschenkel gebrochen hatte. Ich kann mich noch nicht mal daran erinnern, wie es passierte. Nicht einmal eines Schmerzes war ich mir bewusst. Ich wurde operiert, mit einer Platte der Bruch gerichtet. Aber damit lösten sich dennoch nicht die Probleme. Nach wie vor konnte ich die Hinterbeine nicht beugen und alles war steif.

Familie an meiner Seite

Meine Zweibeiner kümmerten sich um mich. Wie zuvor schon, wurde ich in einem Tragebeutel auf Hunderunden mitgenommen, ich durfte unter Aufsicht bei meinen Geschwistern sein und erhielt manuelle Therapie. Ich war glücklich, dabei sein zu dürfen und dennoch fehlte etwas. Ich war inzwischen 10 Wochen alt, als ich auf große Reise ging. Zurück kam ich mit einem Rollwagen. Zunächst war es ungewohnt, doch schon nach wenigen Tagen gehörte der Wagen zu mir. Und ich begriff, was es war, was mir gefehlt hatte. Das echte Toben mit meinen Geschwistern. Das Umhertollen auf der Wiese. Das Plantschen im Hundepool. Das Hinterherrennen hinter dem Ball. Kleine Hunderunden, bei denen ich überall schnuppern gehen und andere Hunde treffen kann. Es ist meine Welt. Und sie fühlt sich großartig an.
Mein Weg wird sicher sehr lang sein und es ist ungewiss, ob ich jemals richtig Laufen können werde. Aber meine Zweibeiner helfen mir dabei. Inzwischen gehe ich Schwimmen, ich erhalte Wärmetherapie und Reizstrom, jede Menge Massagen und meine Beine werden immer wieder und wieder bewegt.
Ich glaube daran, dass alles gut wird und es eigentlich auch schon gut ist. Ich lebe. Und ich werde meine Bestimmung erfüllen, Glück und Licht zu schenken und mit den Seelen, die mich berührt haben und in mir sind, meinen Zweibeinern die Gewissheit geben, dass es einen Himmel gibt. Denn ich war dem Himmel so nah.

 

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