Niereninsuffizienz bei Katzen

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Niereninsuffizienz bei Katzen

Dank der heutigen Versorgung – sowohl ernährungstechnisch wie auch medizinisch – erreichen Hauskatzen in menschlicher Obhut nicht mehr allzu selten eine Lebenserwartung von 20 Jahren und sogar noch mehr.

Dennoch leidet ein nicht unerheblicher Anteil der Katzenpopulation im gehobenen Alter an meist chronischen Erkrankung – allen voran die sogenannte chronische Nierensuffizienz bei Katzen (CNI).
Im folgenden Text möchte ich Euch erstmal erklären was sich hinter diesem Begriff überhaupt versteckt, dann wie bzw. woran man sie erkennt und wie eine erfolgversprechende Behandlung aussehen kann.

Was bedeutet es also? Eine Niereninsuffizienz bei Katzen?

Nüchtern betrachtet, beschreibt es eine Funktionsstörung des Organs – hier der Nieren, von der jedes Säugetier zwei Stück besitzt.
Die Hauptfunktion der Nieren ist die Entgiftung jedes Organismus. Dazu muss man sich vorstellen, dass zu jeder Zeit des Lebens Abfallprodukte in den Körperkreisläufen anfallen. Damit dieser ‚Abfall‘ sich nicht im Körper anhäuft, sind die Nieren in jedem Blutkreislauf integriert. Sie fungieren als regelrechter Filter – ähnlich einem Fischernetz. Dabei werden Stoffe, die auf Dauer giftig für den Organismus wären (wir sprechen hier von sogenannten ‚harnpflichtigen Substanzen‘) aus dem Blutstrom gefiltert und zusammen mit Wasser in der Harnblase zwischengelagert – ist sie ausreichend gefüllt, wird sie nach außen entleert.

Gleichzeitig gilt es wichtige Stoffe (allen voran die lebensnotwendigen Eiweiße) im Blutstrom zu halten und vor dem Herausfiltern zu bewahren.
Darüber hinaus haben die Nieren noch natürlich noch weitere ‚Nebenaufgaben‘, zu denen z.B. die Produktion des blutbildenden Hormons Erythropoetin (umgangssprachlich EPO) zählt. Berühmt wurde es durch seinen jahrzehntelangen Doping-Missbrauch im Profisport. Besonders im Radsport eingesetzt zur Leistungssteigerung, weil es zu einem deutlich verbesserten Sauerstofftransport im Blut führt. Bei anhaltendem Mangel hingegen kommt es im Verlauf einer Niereninsuffizienz meist zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Blutarmut [Anämie].

Diese und weitere Funktionen sind bei einer Insuffizienz der Nieren gestört. Abhängig vom Grad der Störung bzw. Beeinträchtigung der einzelnen Funktion können Patienten verschiedene Symptome zeigen, die einen Verdacht rechtfertigen.

Was sind Symptome bei einer Niereninsuffizienz bei Katzen?

Das mit weitem Abstand häufigste Symptom, mit dem betroffene Patienten in der Praxissprechstunde vorgestellt werden ist eine meist deutlich gesteigerte Flüssigkeitsaufnahme – gleichzeitig werden große Mengen Urin abgesetzt. Durch diesen reflektorischen Mechanismus versucht der Organismus die sich anhäufenden Abfallprodukte durch massive Spülung zu verdünnen und gleichzeitig über die beeinträchtigten Nieren auszuspülen – getreu dem Motto ‚viel hilft viel’… leider ist dem nicht so.

Dieses Leitsymptom kann bei reinen Wohnungskatzen recht eindrucksvoll beobachtet werden – wie sie ähnlich einem Durchlauferhitzer große Mengen Wasser trinken und kurze Zeit später erwärmt wieder ausscheiden.
Bei Freigänger bleibt dieses Symptom hingegen oftmals lange Zeit unbemerkt. Dies kann u.U. zu einer schlechteren Prognose führen da die Behandlung ggf. erst später begonnen wird.

Viele Nierenpatienten verlieren recht schnell an Körpergewicht und zeigen ein struppig-ungepflegtes Haarkleid. Sie wirken häufig kraftlos und ziehen sich zurück.
Wenn sich in fortgeschrittenen Stadien die harnpflichtigen Substanzen im Körper ansammeln, lagern sie sich anteilig in sämtlichen Schleimhäuten ab – so zum Beispiel auch im Maul- und Rachenbereich.
Man kann diese Ablagerungen u.U. sehr deutlich riechen – er ist nicht faulig wie bspw. bei Zahnproblemen sondern regelrecht stechend und riecht nach Harnstoff u. Ammoniak – also wie Urin.
Aus diesem Grund ist den betroffenen Patienten in diesem Stadium regelrecht ‚kotzübel‘ – das ist auch der Grund, warum Nierenpatienten oftmals so wenig Appetit haben und sich ebenfalls bedeutend häufiger übergeben – egal ob mit vollem oder leerem Magen.

Meine Katze hat eine Niereninsuffizienz. Was nun?

Bei entsprechendem Vorbericht mit passender Symptomen (wenn auch nur teilweise) ist die weiterführende Diagnostik das Mittel der Wahl. Sie besteht zum einen aus der Blutuntersuchung und einer u.U. ergänzenden Blutdruckmessung.
Bei der Untersuchung der Blutparameter steht die Messung der harnpflichtigen Substanzen im Fokus – sind sie zu hoch, lassen sich daraus Rückschlüsse ziehen und gegebenenfalls eine vorsichtige Prognose fällen.
Bei einem Nierenprofil entspricht das sogenannte SDMA dem Früherkennungswert, der i.d.R. zeitiger aus dem Referenzbereich rückt, als es die seit Jahrzehnten etablierten Parameter ‚Harnstoff‘ und ‚Kreatinin‘ zeigen.

Ebenfalls zur Prognose trägt der Phosphatwert bei, da er zum einen ebenfalls über den Harn ausgeschieden werden sollte und zum anderen bei entsprechender Konzentration maßgeblich zur Entwicklung der Übelkeit beiträgt.
Mit dem sogenannten UPC-Wert lässt sich mittels Urinprobe bestimmen, wie groß der Eiweißverlust über die Niere ist.
Die Blutdruckbestimmung bringt einen diagnostischen Mehrwert, da bei entsprechendem Befund hier schnell gezielt interveniert werden kann um die Filtrationsrate wieder zu verbessern.

Das Therapieschema basiert auf mehreren Säulen, die anhängig von Grad und Befinden des Patienten mitunter teilweise bis komplett angewendet werden:

Säule 1 stellt die Infusionstherapie dar, bei der dem Patienten täglich sterile Kochsalzlösung verabreicht wird um die Nieren zu spülen und die harnpflichtigen Stoffe zu verdünnen – in der Regel angewendet bei fortgeschrittenem Stadium, wenn der Patient zu wenig trinkt.

Säule 2 befasst sich mit der Senkung des Blutdrucks, damit die Nieren wieder mehr Zeit zur Filtration des Giftstoffe haben. Dies geschieht mit sogenannten ACE-Hemmern (bspw. Benazepril), die den Durchmesser der Blutgefäße leicht erweitern und so den Blutstrom verlangsamen. Eine bedeutend neuere Möglichkeit ist der Einsatz von Sartanen wie dem Wirkstoff ‚Telmisartan‘, der darüberhinaus auch den Verlust von Eiweißen über die Nieren verhindert.

Säule 3 besteht aus einer möglichst eiweißarmen Ernährung (wenig Rohprotein) – dies entspricht einer deutlichen Reduktion des Fleischanteils im Futter. Auch wenn dies bei einem Fleischfresser wie der Katze unlogisch klingt, ist dies ein wichtiger Baustoff, weil bei der Verwertung von aufgenommenen Eiweiße das Abfallprodukt ‚Harnstoff‘ anfällt. Da dieser aber bei einer vorliegenden Niereninsuffizienz nicht aus dem Blutstrom gefiltert werden kann, wirkt eine fleischlastige Fütterung dann wie ein Brandbeschleuniger. Größtes Problem dabei ist jedoch die Akzeptanz des Diätfutters, welches leider oftmals verschmäht wird da mit gering bis fehlendem Rohprotein auch viele Geschmacksträger fehlen.
Die Fütterung mit sogenanntem Nass- oder Feuchtfutter ist dem Trockenfutter bei diagnostizierter Niereninsuffizienz in jedem Fall vorzuziehen um die Aufnahme von Flüssigkeit zu begünstigen… selbstverständlich nur wenn der Patient es akzeptiert, denn „Verhungern darf keine Option sein“.

Säule 4 sind Phosphathemmer bzw. -binder. Diese Präparate werden oral verabreicht, wenn die Ausscheidung vom Phosphat über die Nieren nicht mehr gewährleistet ist und es entsprechend erhöht im Blut gemessen werden kann. Durch die Bindung kann sich die Ausscheidungsrate des Phosphats wieder deutlich verbessern und auch die Akzeptanz ist in der Regel recht gut sofern die Patienten noch gut fressen.

Säule 5 entspricht der Homöopathie. Hier sind neben dem Präparat ‚Renes viscum‘ das sogenannte SUC-Protokoll mit Komplex-Mitteln zu erwähnen. Dabei handelt es sich um eine Kombinationstherapie mit Solidago + Ubichinon + Coenzyme. In der Regel wird das Protokoll ergänzend angewendet.

Wie sieht die Prognose bei einer Niereninfussizienz bei Katzen aus?

Im Unterschied zu einer chronischen Niereninsuffizienz stehen die Chancen auf Genesung bei der akuten Form deutlich schlechter. Diese tritt jedoch vorwiegend durch Vergiftungen mit Frostschutzmitteln oder auch Lilien auf und kann jedes Alter betreffen.
Ihr Verlauf ist, wie es der Name schon erraten lässt, meist deutlich dramatischer und kann binnen weniger Tage oder gar Stunden zum Tode führen  – leider selbst unter Therapie.
Allerdings kann sich eine akute Insuffizienz der Nieren unter Umständen besser regenerieren lassen als der bedeutend häufigere chronische Verlauf... vorausgesetzt die Behandlung wurde wirklich sehr früh begonnen.

Abschließend möchte ich eindringlich darauf hinweisen, dass Ihr bitte, sollte Euer Kätzchen mehrere oder auch nur eines der oben beschriebenen Symptome zeigen, möglichst in der nächsten Sprechstunde bei Eurem Haustierarzt vorstellig werdet.
Ab einem Alter von ca. 7 Jahren macht es in meinen Augen darüber hinaus Sinn 1x pro Jahr eine Blutuntersuchung bei seiner Katze durchführen zu lassen – einfach um möglichst nichts zu verpassen, denn Katzen sind leider Weltmeister im Verstecken von Symptomen. Daher bitte im Zweifelsfall nicht lange warten und durchs Beobachten wichtige Zeit verschenken.


Sebastian Goßmann-JonigkeitTierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit ist seit 2012 praktizierender Tierarzt für Kleintiere in Engelskirchen bei Köln. Dort leitet er die Praxis gemeinsam mit seiner Frau. Sein Faible gilt der Zahnmedizin für Hunde und Katzen – daher fühlt er sich zwischen Dentalröntgen und Zahn-OP auch besonders wohl. In seiner Freizeit bloggt er auf Facebook und Instagram.


 

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