Vermisstensuchhunde

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Vermisstensuchhund

Aus dem Fernsehen kennst du sie bestimmt und wünscht dir auch, nie in eine Situation zu kommen, in der du sie brauchst. Aber wenn, dann können sie dein Leben retten: Vermisstensuchhunde.

Gemeinsame Grundausbildung

Vermisstensuchhunde haben unterschiedliche Schwerpunkte, aber alle zählen zu den Rettungshunden und bekommen eine gründliche und in den wesentlichen Punkten auch gleiche Ausbildung. Es gibt Lawinensuchhunde, Personenspürhunde und Vermisstensuchhunde für Fläche und Gelände.

Grundsätzlich kann jeder Hund, unabhängig von seiner Rasse, Rettungshund werden, aber aus der Aufgabe ergeben sich ein paar Anforderungen: Der Hund sollte Neugier mitbringen und Spaß am Erkunden haben, ebenso Spaß am Spiel, ein positives Verhältnis zu Menschen allgemein und zu „seinem“ Menschen haben – und natürlich hilft ihm seine gute Nase weiter! Körperlich und seelisch muss der Hund belastbar sein, um auch unter widrigen Bedingungen seine volle Leistung abzurufen. Ein Lawinensuchhund sollte zusätzlich „kältetauglich“ sein, eine Größe um etwa Kniehöhe haben und nicht zu schwer sein, denn er darf nicht im Tiefschnee steckenbleiben oder einbrechen und muss bei Einsätzen vom Hundeführer in den Hubschrauber gehoben werden können.

Die Hunde starten ihre Ausbildung in frühen Jahren. Sie trainieren natürlich erst einmal den Grundgehorsam. Die etwa zweijährige Ausbildung machen Hund und Hundeführer im Team. Ein Suchhund muss das Zusammensein mit Menschen als etwas Tolles empfinden – das vereinfacht das Training für ihn. Es lernt sich stressfrei und freiwillig – und mal Hand aufs Herz: warum sonst sollte er sich Mühe geben, nach Menschen zu suchen, wenn der Mensch nicht interessant für den Hund erscheint.

Anfänger-Hunde werden zuerst belohnt, wenn sie auf einer freien Fläche auf einen von mehreren dort verteilten Helfern zulaufen. Also: „Menschen sind toll“. Der nächste Schritt ist, Menschen zu verstecken, vorzugsweise den eigenen mit dem vertrauten Geruch. Der Schwierigkeitsgrad wird im Laufe der Zeit erhöht. Wobei auch die Art der Anzeige eines Erfolges von der genauen Einsatzart des Hundes abhängt. Allen Suchhunden gemeinsam ist aber, dass sie gerade als gut ausgebildete „Profis“ letztlich auch einen Einsatz als Spiel empfinden sollten. Natürlich sind der Hundeführer und das Team um den vierbeinigen Helfer herum im Einsatz viel angespannter als im Training – und natürlich bekommt der Hund das mit. Für den Hundeführer ist die besondere Herausforderung, die Anspannung so weit im Griff zu behalten, dass sie den Hund nicht verunsichert, sondern höchstens wettkampfähnlich anspornt. Und er muss sich sogar dann mit dem Hund über den gemeinsamen Such-„Erfolg“ „freuen“, wenn der Mensch nur noch tot geborgen werden kann. Für den Vermisstensuchhund ist jeder gefundene Mensch ein Erfolg. Rettungshunde unterscheiden sich darin von reinen Leichenspürhunden, die eher bei der Polizeiarbeit eingesetzt werden oder dann, wenn von Anfang an keine Aussicht mehr besteht, Überlebende eines Unglücks zu finden.

Spezialisierungen

Während für einen Lawinensuchhund und andere Flächensuchhunde – denke beispielsweise an Bergwachteinsätze im Sommer, an Erdbeben- oder Kriegsgebiete – wichtig ist, Menschengeruch allgemein wahrzunehmen, ist bei einem Vermisstensuchhund, der eine ganz bestimmte Person finden soll, die Suchmethode wichtig: Jeder Mensch trägt in seinem eigenen Genmaterial seinen ganz eigenen Geruch. Die Suchmethode des „Mantrailings“ nutzt das. Der Hund verfolgt nicht jeden Menschengeruch, sondern genau die Geruchsprobe, die man ihm vorher zeigt und wird gezielt darauf ausgebildet. Man unterscheidet beim Mantrailing zwei Geruchsarten: Den „Trailgeruch“, den der Mensch bei Bewegung ausstreut und der durch die Luft verteilt wird und an Bäumen etc. hängenbleibt, sowie den „Quellgeruch“ direkt von der Person. Den Quellgeruch kann der Hund direkt wahrnehmen, wenn der Mensch sich noch relativ nah zum Hund aufhält. Je nach Witterung bleiben Geruchsspuren für den Hund bis zu 12 Stunden erkennbar. Optimal ist aber ein Zeitraum von 1 bis 4 Stunden nach Abgabe der Geruchsprobe. Weil beim Mantrailen der Geruch, dessen „Trailgeruchsanteil“ sehr hoch ist, die Spur für den Hund bildet, gibt es große Unterschiede zum altbekannten Fährtensuchhund:

Der Fährtensuchhund verfolgt die Fußspuren und die daraus resultierenden Abdrücke, sprich Bodenverletzungen. Er bleibt daher für seinen Hundeführer sichtbar an dieser Fußspur. Der Geruch spielt eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Der Hundeführer kann leichter mit eigenem Auge Verlauf und Ergebnis der Suche kontrollieren und nachvollziehen.

Beim Mantrailing muss das Mensch-Hund-Team in der Kommunikation anders eingespielt sein als bei der Fährtenarbeit. Der Hundeführer muss ohne Abdrücke am Boden buchstäblich blind darauf vertrauen können, dass sein Hund noch immer wirklich der Geruchsspur folgt. Diese kann auch je nach Wind stark versetzt zum echten „Laufweg“ der gesuchten Person verlaufen. Intensität und Qualität der Fährte kann der Mensch nicht beurteilen. Er darf auch nicht durch seine Körpersprache den Hund bei der Suche beeinflussen, zum Beispiel durch Zögern oder eine Körperbewegung an einer Abzweigung. Beim Mantrailing sollte daher besonderes Augenmerk auf präzise Kommunikation, konsequente Führung und Vertrauen zwischen Mensch und Hund liegen. Das verlangt hohe Konzentration und ist sehr anstrengend – für Mensch und Hund gleichermaßen.

Mantrailing erlaubt oft, Spuren eines Vermissten noch da zu finden, wo bedingt durch Bodenbeschaffenheit oder Wetter keine Fährtenverfolgung mehr möglich ist. Wasserortung funktioniert ebenfalls rein über die Nase.

Wie der Hund seinen Fund anzuzeigen lernt, ist ebenfalls zum Großteil abhängig von der Spezialisierung: Möglich sind das sogenannte „Verbellen“, das heißt, der Hund bellt so lange bei der gefundenen Person, bis der Hundeführer bei ihm ist; „Bringseln“, was bedeutet, der Hund nimmt, wenn er eine Person gefunden hat, einen bestimmten Gegenstand, das „Bringsel“, auf, kommt zurück zum Hundeführer und zeigt ihm den Weg zur Person; und das „Freiverweisen“, der Hund zeigt einen Fund an und führt seinen Menschen zum Fundort. Bei Einsätzen wie zum Beispiel Lawinen, in Trümmerfeldern oder bei der Wasserortung, wo Mensch und Hund im Boot über die Wasserfläche fahren, ist Verbellen eine sinnvolle Anzeigemöglichkeit.

Berufsretter und Ehrenamtler

Wie du es bei Menschen zum Beispiel von der Feuerwehr oder Sanitätern kennst, gibt es Mensch-Hund-Teams, die das Retten zum Beruf gemacht haben und solche, die freiwillig Unterstützung leisten. Bisher sind die Ehrenamtler in der Mehrzahl, gerade im Gebirge. Es gibt sie seit Hunderten von Jahren. Der erste „offizielle“ Polizei-Vermisstensuchhund Deutschlands, eine Hündin namens Fly, ging dagegen erst 2016 nach ca. zehn Jahren Dienst in Sachsen in Rente.


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften.


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