Ungehorsam bei Hunden

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Ungehorsam bei Hunden

Allgemeines zum Verhalten

Ungehorsam bei Hunden und sogar Unkontrollierbarkeit zählen zu den häufigsten unerwünschten Verhaltensweisen im Zusammenleben mit dem Hund. Ganz genau verstehen wir unter diesen beiden Begrifflichkeiten mangelnde Kontrollierbarkeit und Händelbarkeit des Hundes seitens des Hundehalters. Dieser ist nicht (mehr) in der Lage, seinen Hund zu lenken und zu leiten, geschweige denn zu stoppen, wenn es erforderlich ist. Der Hund zeigt nur wenig oder überhaupt keine Reaktion auf die Signale seines Menschen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis, dass jeder Hundehalter das Verhalten seines Hundes subjektiv wahrnimmt. So empfindet der eine ein bestimmtes Verhalten, das sein Hund an den Tag legt, beispielsweise als extrem störend, während ein anderer es vielleicht kaum wahrnimmt, dafür aber seine Mitmenschen in unmittelbarer Umgebung. Für ein harmonisches Miteinander aller Beteiligten ist es wichtig, dass sich alle wohlfühlen.

Ebenso subjektiv sind oft auch die vermuteten Gründe des Hundehalters, weshalb der Hund (in bestimmten Situationen) nicht auf Signale reagiert. Die häufigsten Vermutungen des Hundehalters sind, dass der Hund gerade einfach nicht hören will, d. h. keine Lust hat oder das Signal nicht wahrgenommen hat. Schauen wir uns einmal an, welche Ursachen Ungehorsam tatsächlich haben kann.

Wie entsteht Ungehorsam bei Hunden?

Die Ursachen dieser unerwünschten Verhaltensweisen können vielfältiger nicht sein. Mit zunehmendem Alter oder auch aufgrund einer Erkrankung ist es tatsächlich möglich, dass der Hörsinn unseres Hundes abnimmt oder er gar schwerhörig wird. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass unser Hund unsere Signale nicht mehr ausführt, weil er sie schlichtweg nicht hört. Auch ungünstige Begleitumstände (wie beispielsweise Lärm, Wind oder andere beeinflussende Faktoren) können vermeintlichen Ungehorsam hervorrufen. Das Nicht-Wahrnehmen der Signale als Ursache für Ungehorsam bei Hunden ist allerdings vermutlich relativ selten.

Besonders in der Pubertät kann es vorkommen, dass der Hund durchaus auch mal testet, inwieweit er gelernte Signale, Regeln und Grenzen tatsächlich zu beachten hat. Dies gehört zur normalen Entwicklung dazu. Allerdings führen auch gerade in der Pubertät Reifungsprozesse und die Umgestaltung des Gehirns phasenweise dazu, dass bereits Gelerntes gar nicht abgerufen werden kann. Hier ist es also manchmal schwer zu erkennen, ob der Hund gerade nicht will oder nicht kann.

Weit häufiger kommt es jedoch vor, dass der scheinbare Ungehorsam durch Fehler im Training bzw. aus Überforderung des Hundes entsteht. Damit Signale wirklich zuverlässig in allen Situationen greifen, brauchen wir einen sehr gut strukturierten Trainingsaufbau. Oft denken Halter, dass ihr Hund ein bestimmtes Verhalten ja eigentlich kann und denken dann, er ist ungehorsam, wenn er es nicht zeigt. Betrachtet man die Situation dann aber genauer, fällt auf, dass in den problematischen Situationen der Hund das Verhalten überhaupt nicht zeigen kann, weil es nicht ausreichend oder fehlerhaft trainiert wurde.

Ist mein Hund ungehorsam oder falsch trainiert?

Viele Halter beklagen, dass ihr Hund den Rückruf zwar beherrsche, aber einfach nicht reagiere, wenn z. B. andere Hunde mit im Spiel sind. Da der Hund sonst gut hört, erwarten die Halter, dass er dies auch tut, wenn andere Hunde anwesend sind, ohne dies jedoch jemals explizit geübt zu haben. Hier haben wir ein häufiges Problem: Hunde lernen sehr stark kontextabhängig, d. h. der Rückruf von Hunden ist etwas komplett anderes für viele Hunde als der Rückruf von Menschen, Autos, Gerüchen, Vögeln etc. Daher kann der Hund das Signal an dieser nicht-trainierten Ablenkung nicht umsetzen, auch wenn er den Rückruf grundsätzlich bereits beherrscht.

Ein weiteres Phänomen, das Halter beobachten ist, dass ihr Hund manchmal in bestimmten Situationen ein Signal (z. B. Sitz) umsetzt und ein andermal in der vermeintlich gleichen Situation nicht. Hier kommt es häufig vor, dass das Signal, was wir meinen, dass den Hund zum Verhalten bewegt, nicht unbedingt das Signal ist, das der Hund gelernt hat. Gerade beim Sitz und Platz kommt es sehr häufig vor, wenn z. B. gleichzeitig zum Hörzeichen „Sitz“ ein Handsignal »erhobener Finger« gegeben wird. Da Hunde eher auf die Körpersprache des Menschen reagieren als auf Gesagtes, achten sie oft nur auf die Geste, d. h. das Wortsignal wird schlichtweg nicht gelernt. Und es fällt immer nur dann auf, wenn der Hund seinen Halter nicht sieht, weil er z. B. einen anderen Hund anguckt und so das Sichtzeichen nicht mitbekommt.

Dies sind nur zwei Beispiele, wie kleine Fehler im Training zu „Ungehorsam“ führen können. Auch der Faktor Stress in Alltags- und Trainingssituationen ist nicht zu unterschätzen. Er begünstigt mintunter Ungehorsam und Unkontrollierbarkeit. Zu viele Stressoren können unseren Hund überfordern, so dass er einfach nicht mehr in der Lage ist, auf unsere Signale zu reagieren.

Was kann ich gegen Ungehorsam bei Hunden tun?

Wichtig ist zunächst herauszufinden, warum der Hund nicht auf Signale reagiert, also die Gründe für Unkontrollierbarkeit und Ungehorsam bei Hunden. Erst, wenn die Ursachen erkannt sind, können angemessene Maßnahmen angewendet werden, um das Verhalten langfristig zu verändern.

Da es für viele Halter oft schwer ist zu erkennen, warum ihr Hund sich so verhält, sollte hier auch nicht gezögert werden, einen Hundetrainer oder Verhaltensberater zu Rate zu ziehen.

Damit es im Alltag zu keinen problematischen oder gar gefährlichen Situationen kommt, sollte außerdem ein gutes Management umgesetzt werden. Dazu kann es gehören, an bestimmten Orten eine Leine oder Schleppleine einzusetzen und gewissen Situationen erst einmal aus dem Weg zu gehen. Um geeignete Managementmaßnahmen im Alltag einsetzen zu können, ist es wichtig, die jeweilige Situation und den Kontext ganz genau zu analysieren. Reagiert dein Hund beispielsweise schnell überaus stark gestresst und zeigt diverse Stressanzeichen, solltest du umgehend darauf eingehen. Identifiziere die Stressquelle. Vergrößere den Abstand dazu oder entferne sie.

Wichtig! Egal in welcher Situation dein Hund ungehorsam bzw. unkontrollierbar ist, Sicherheit geht vor! Sei vorausschauend und rechne mit allen Eventualitäten.

Was kann man machen wenn der Hund nicht hört?

Überdenke noch einmal deine ganzen Signale, Grenzen und Regeln, die du bei der Interaktion mit deinem Hund verwendest. Sind alle Signale sorgfältig aufgebaut? Reagiert dein Hund in jeder Situation auf dein Signal oder kneifst du hin und wieder ein Auge zu und lässt ihn gewähren? Kannst du deinem Hund auch Grenzen setzen und bist du dabei konsequent? Dieses Thema löst bei manchem Hundehalter Unbehagen aus. Bedenke jedoch, dass du damit lediglich einen Rahmen absteckst. Dein Hund kann sich daran orientieren, was erlaubt ist und was nicht. Klare Strukturen und Regeln verschaffen deinem Hund Klarheit, Orientierung und somit auch Sicherheit.


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften. Als Dozentin ist Kristina Ziemer-Falke sehr gefragt und deutschlandweit auf Seminaren und Vorträgen zu Themen rund um den Hund anzutreffen.


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