Wölfe – Faszination und Furcht

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Wölfe
Die erste Begegnung mit einem Wolf fand für die allermeisten von uns sicherlich an der Seite von Rotkäppchen statt. Jeder hasste den Wolf, der erst die Großmutter und dann das Rotkäppchen fraß, um am Ende doch seine gerechte Strafe, den Tod, zu bekommen. Der böse Wolf. Leider hat dieses Märchen wenig mit Wölfen zu tun, wie sie in Wirklichkeit sind. Es spiegelt aber wider, welchen Ruf man dem Wolf zuteil werden ließ. Und Rotkäppchen ist nur eine von vielen Schauergeschichten rund um den Wolf. In Märchen und Legenden unseres Kulturkreises wurden Wölfe meist als mythische Wesen beschrieben, bedrohlich und geheimnisvoll, unheilbringend und mordlüstern. Wenn wir an den Wolf denken, dann denken wir an Ärger und Verderben.

Wölfe in anderen Kulturen

Es gibt aber auch Kulturen, die ein viel positiveres Bild auf Wölfe werfen. Bestimmte indigene Völker Nordamerikas sehen Wölfe als Schöpfer der Welt. Sie verehren sie als Krafttiere und führen sie als Totem. Wieder andere verstehen sich als Blutsverwandte der Wölfe, zum Beispiel die Mongolen, die Usbeken, Hunnen und Turkmenen. Doch das ist leider nur ein kleiner Teil. Die meisten Geschichten des Nordens berichten von Wölfen in Form von Ungeheuern oder Werwölfen, die uns in finsterer Nacht auflauern und fressen.

Wölfe – geliebt, gehasst, bestaunt und gefürchtet. Kaum ein tierisches Lebewesen ruft so viele unterschiedliche Gefühle und Assoziationen hervor wie der Wolf. Wölfe sind, glaube ich, die am meisten gefürchteten, am meisten verfolgten und am meisten missverstandenen Tiere. Gleichzeitig üben sie eine enorme Faszination auf uns aus.

Wölfe sind zurück in Deutschland

Im Jahr 2000 wurden nach 150-jähriger Abwesenheit die ersten wildlebende Wolfswelpen in Deutschland geboren. Heute, 21 Jahre danach, sind in Deutschland etwa 1300 Wölfe heimisch, europaweit etwa 20.000. Aus Sicht der Tier- und Artenschützer ist ihre Rückkehr ein Riesenerfolg, denn der Wolf ist ein wichtiger Teil unseres Ökosystems.

Einfach erklärt sind durch die Wölfe unsere Wildbestände vitaler, sie verteilen sich besser und werden kleiner. Hirsche und Rehe wandern mehr, anstelle zu lange an einem Ort zu verweilen, und dort alles kaputt zu fressen. Die Wildschäden nehmen ab, die Vegetation hat Zeit, nachzuwachsen. Folglich gibt es mehr Nahrung für die Pflanzenfresser, und es werden Erosionen und Lawinen sowie Hochwasser verhindert. Das beeinflusst das Leben von Fischen und Insekten, Bibern und Vögeln. Da der Wolf nicht seine gesamte Beute auf einmal frisst, sondern übriggebliebene Kadaverteile verstreut, bietet er nicht nur Aasfressern Nahrung, sondern gleichzeitig wertvollen Organismen eine ökologische Nische. Der Wolf trägt zur Erhöhung der Biodiversität bei und sorgt dafür, dass das ökologische Gleichgewicht langfristig erhalten bleibt. Mitteleuropa bietet ihm perfekte Bedingungen. Er liebt weite, tiefe Wälder mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, prächtigem Nahrungsangebot und viel unbesetztem Terrain.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt die Rückkehr von freilebenden Wölfen in Deutschland:

„Wölfe sind ein Teil unserer heimischen Artenvielfalt und erfüllen im Naturhaushalt wichtige Aufgaben. Der Bestand an Rehen, Hirschen und Wildschweinen ist in Deutschland ausreichend hoch, so dass die Voraussetzungen für ein Überleben der Wölfe mehr als günstig sind. Im Verhältnis zu natürlichen Beutetieren machen Risse von Nutztieren nur einen kleinen Teil aus. Gleichwohl müssen Schafe und Ziegen, aber auch Rinder und Pferde um ihrer selbst willen geschützt werden. Dies ergibt sich schon daraus, dass sie sich in der Obhut des Menschen befinden und sich nicht selbst ausreichend gegen den Wolf verteidigen können. Hier sind jedoch nicht nur die Halter in der Verantwortung, sondern auch die Politik, die Anreize schaffen und Unterstützung für einen besseren Herdenschutz geben muss. Dasselbe gilt für Herdenschutzhunde sowie etwaige andere Tiere, die die Tierhalter beim Bewachen der Herde unterstützen. Auch hier müssen die entsprechenden Anforderungen an eine tiergerechte Haltung und Unterbringung erfüllt sein. Dafür setzt sich der Deutsche Tierschutzbund ein.“

Landwirte fürchten den Wolf

Landwirte, Pferde- und Nutztierhalter, sehen das ein wenig anders. Sie drücken große Besorgnis aus. Wölfe reißen ihre Weidetiere. Dabei kommt es auch zu kollateralen Schäden. Der Bauernbund fordert die konsequente Bejagung des Wolfes, sowie wolfsfreie Zonen in der Nähe von Menschen und Weidetieren. Bauernbundsprecher R. Jung macht darauf aufmerksam, dass der Wolf Nutztiere, hauptsächlich Schafe und Kälber, tötet, und dass die ökonomischen Fakten nicht außer Acht gelassen werden können: die Ausbreitung des Wolfes belastet die Weidewirtschaft mit erheblichen Zusatzkosten. Er spricht von ohnehin knapper Kalkulation, um mit Weidetieren Gewinne zu erwirtschaften und von Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit der Weidewirtschaft. Weide- und Biobetriebe hätten einen Nachteil gegenüber Betrieben mit Stallmast.

Eltern haben Angst um ihre Kinder und Dorfbewohner in Wolfsgebieten trauen sich nachts nicht mehr aus dem Haus, „weil hier Wölfe rumstreunen.“ Sie wissen nicht, wie sie einem Wolf entgegentreten sollen, und das Rotkäppchen-Syndrom ist immer noch weit verbreitet.

Faszination, Freude, Wut und Angst, alles ist vertreten in Bezug auf den Wolf. Und dabei geht es nicht darum, wer Recht oder Unrecht hat, denn das Wolfsthema ist facettenreich. Es ist unerlässlich, sich ihm von unterschiedlichen Standpunkten zu nähern. Es müssen politische und gesellschaftliche Lösungen angestrebt werden, im Dialog, um einen einen Weg zu finden, wie der Wolf mit Menschen, auch in dicht besiedelten, landwirtschaftlich genutzten Gebieten Seite an Seite leben kann. Dies ist die Aufgabe des Wolfsmanagments, das in Deutschland in den Zuständigkeitsbereich der einzelnen Bundesländer fällt.

Sicher ist, dass uns das Wolfsthema weiterhin begleiten, und Teil unserer Zukunft in der Koexistenz mit diesen beeindruckenden Tieren sein wird.


Melanie RoloffMelanie Roloff ist dreifache Mutter, Ehefrau und Tierbesitzerin. Als leidenschaftliche Yogalehrerin und Hobbyautorin inspiriert sie Menschen mit ihren Geschichten. Gemeinsam mit ihrer Familie und ihren zwei Hunden Phaléne Lilly und Chihuahua Sammy, lebt sie in Bayern.


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