Prozessionsspinner – gefräßige Raupen in Reih‘ und Glied

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Prozessionsspinner

Was macht eigentlich ein Prozessionsspinner? Er prozessiert und er spinnt. Diese beiden typischen Aktivitäten haben ihm seine deutsche Artbezeichnung eingebracht. Was es damit auf sich hat und wie sich die häufigen Arten Eichenprozessionsspinner und Pinienprozessionsspinner in ihrer Lebensweise voneinander unterscheiden, erfährst du in diesem Beitrag.

Die Spinner

Die Spinner sind keine einheitliche Schmetterlingsfamilie. Es werden verschiedene Arten unterschiedlicher Familien unter dieser Bezeichnung zusammengefasst, da sie im Allgemeinen „Spinnkünstler“ sind. Das heißt, dass sich die Raupen zur Verpuppung Schutzhüllen aus Spinnseide anfertigen, sogenannte Kokons. Manchen Raupen bauen sich sogar umfängliche Behausungen aus Seide, sogenannte Raupennester. Dazu zählen auch die Prozessionsspinner. In die Raupennester werden bei einigen Spinnern Raupenhaare (teilweise giftig!), Blätter und andere Pflanzenteile eingewoben. Die erwachsenen Spinner sind unauffällige Falter, die unscheinbar gefärbt und meist nachtaktiv sind. Die Fühler der Männchen sind meist gekämmt. Die Mundwerkzeuge sind verkümmert. Die Imagines können keine Nahrung mehr aufnehmen, sie können sich lediglich fortpflanzen. Den größten Teil ihres Daseins verbringen sie im Raupenstadium. Die bekanntesten Spinner sind die Raupen des Seidenspinners, der ursprünglich aus China stammt. Dort wird diese Raupe seit ca. 5000 Jahren gezüchtet. Auf die Ausfuhr der Eier stand jahrelang die Todesstrafe!
Die Raupen der Spinner sind in der Regel behaart. Die Verpuppung erfolgt in einem Kokon, meist über der Erde. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von den Raupen der Spanner (einer anderen Schmetterlingsgruppe), die meist nackt sind und nur 2 Paar Bauchfüße aufweisen. Deren Puppen finden sich meist in der Erde, in der Rinde oder in Spalten.

Die Prozessionsspinner

Die Prozessionsspinner weisen winzige Brennhaare auf, die auch in alten Häutungsresten und in Gespinstnestern zu finden sind und ihre nesselnde Wirkung dort auch noch monate- oder auch jahrelang entfalten können. Dabei sind nicht die auffälligen langen Haare gefährlich, sondern winzig kleine Härchen. Davon finden sich beispielsweise beim Pinienprozessionsspinner bis zu 60.000 Stück auf einem Quadratmillimeter. Kommt man mit diesen Haaren in Berührung, kann dies sehr schmerzhafte Folgen nach sich ziehen: Entzündungen, Juckreiz, Reizung der Schleimhäute und Atemwege. Bei Allergikern wurden auch heftige Schockreaktionen beobachtet. Auch Hunde können erheblich unter einem Kontakt leiden. Es gibt Beobachtungen von Hundezungen, die abgestorben sind, nachdem sie mit den Raupen in Berührung gekommen sind. Raupennester im Siedlungsbereich müssen von Personen mit spezieller Schutzausrüstung entfernt werden, da die gesundheitlichen Risiken enorm sind.

Der Eichenprozessionsspinner

Pinienprozessionsspinner

Der Eichenprozessionsspinner ist die bekannteste heimische Spinnerart. Die Weibchen legen im Herbst ihre Eier an den Zweigen von Eichen ab. Im darauffolgenden Frühjahr schlüpfen die ersten Raupen und sie beginnen, im Kronenraum an den Blättern zu fressen, und zwar in der Nacht. Tagsüber ruhen sie in Gruppen („Knäuel“). Zum Ende ihrer Larvalentwicklung halten sie sich in bis zu einem Meter langen Nestern am Stamm oder an den Ästen auf. In der Nacht „prozessieren“ sie in mehrreihigen, bis zu 10 Meter langen Prozessionen zu ihren Fraßplätzen. Die typischen Brennhaare entwickeln sie erst ab dem dritten Larvenstadium. Die Verpuppung erfolgt im August in den Gespinstnestern. Die Falter fliegen meist im August aus. Der fortschreitende Klimawandel scheint die Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners zu begünstigen.

Der Pinienprozessionsspinner

Pinienprozessionsspinner

Der Pinienprozessionsspinner ernährt sich als Raupe von Nadeln, insbesondere Kiefernnadeln (Name!). Die Falter legen bereits im Juli Eier ringförmig um Kiefernnadeln ab. Nach dem Schlüpfen fressen die Raupen in der Nacht gesellig an den Nadeln. Noch bilden sie keine Prozessionen. Sie verbringen den Tag über in ihren Gespinstnestern, wo sie sich auch bei kühler Witterung zurückziehen. Im Gegensatz zu den Eichenprozessionsspinnern überwintern die Raupen in weißen Winternestern, die bereits von weitem gut zu erkennen sind. Im Frühjahr ernähren sie sich weiter von Piniennadeln. Ab März prozessieren die Raupen in Einerkolonnen stammabwärts, um sich in der Streu am Boden einen geeigneten Ort zur Verpuppung zu suchen. Auch die Raupen des Pinienprozessionsspinners besitzen ab dem dritten Raupenstadium Brennhaare, die bei Bedrohung auch abgeworfen werden können und in der Haut des Angreifers ihre Giftstoffe freisetzen können.

Prozessionsspinner als Forstschädlinge?

Pinienprozessionsspinner

Blatt- und nadelfressende Insekten schädigen Laub- und Nadelbäume teils erheblich. Die gefährlichsten Forstschädlinge sind die Raupen des Schwammspinners, die Raupen der Nonne oder auch die Raupen des Kiefernspinners. Wenngleich der Prozessionsspinner nicht zu den „Top-Schädlingen“ zählt, hat er doch ein großes Schadenspotenzial.
Umso wichtiger ist es, intakte Ökosysteme zu erhalten, denn die natürlichen Feinde können die Ausbreitung der Prozessionsspinner erheblich regulieren. Dazu zählen Parasiten, die seine Raupen und Puppen befallen. So entwickeln sich zum Beispiel die Larven bestimmter Raupenfliegen, Schlupfwespen und Brackwespen im Inneren seines Nachwuchses. Etliche weitere Raupen werden von Waldameisen, Raubwanzen und Käfern, wie dem großen Puppenräuber, verzehrt.


Michael Freund ist hauptberuflich Lehrer an einer bayerischen Mittelschule mit einem Faible für die belebte Natur. In seinem Studium absolvierte er Biologie als Didaktikfach. Nebenbei engagiert er sich als Autor für diverse Zeitschriften und ist tatkräftiges Mitglied in verschiedenen Vereinen, unter anderem bei den „Sukkulentenfreunden Passau“.


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