Katze fremdelt – das kannst du tun

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Katze fremdelt

Viele Katzenhalter kennen das Phänomen: es klingelt an der Tür und der sonst so wagemutige Wohnungstiger verpufft in einem schwarzen Loch. So mancher Besucher zweifelt überhaupt an der Existenz deiner Katze in der Wohnung. Die Tiere halten oft nicht viel von Fremden in ihrer Kernzone, wo das Sicherheitsbedürfnis am Größten ist. Das Türklingeln wird zur Ankündigung des für sie unangenehmen Besuchs. Musst du dich nun damit abfinden, dass deine Katze fremdelt und es sie in Angst und Schrecken versetzt, wenn dich Freunde und Familie besuchen oder zu einem Einsiedlerleben übergehen? Natürlich nicht! Je nach Ausprägung der Angst deiner Katze benötigst du vor allem eine große Portion Geduld, um diese in kleinen, der Katze angepassten Schritten abzubauen.

Katze fremdelt – woher kommt diese Angst überhaupt?

Die Gründe, warum Katzen bei Besuch fremdeln, sind unterschiedlich. Leider ist das Verständnis der frühen Förderung von Kitten noch nicht so bekannt wie es beispielsweise bei Hundewelpen ist. In der Welpenschule lernen die Kleinen das 1×1 des menschlichen Zusammenlebens, und auch im privaten Bereich wird mehr und mehr Wert gelegt, dass heranwachsende Hunde möglichst viele Alltagssituationen kennenlernen und gelassen damit umgehen können. Bei Katzen ist diese frühe Kennenlernphase ebenso wichtig, wird aber leider noch oft unterschätzt. Je weniger ein Kitten in seiner Sozialisierungsphase (etwa zwischen der dritten und zwölften Lebenswoche) lernt, desto schwerer tut es sich im späteren Leben. Die Kleinen sollten die Erfahrung machen, dass ihnen Menschen unterschiedlichster Art freundlich begegnen und das Klingeln an der Tür die Ankündigung einer tollen Zeit mit neuen Menschen für sie bedeutet. Je mehr die Kleinen positiv lernen dürfen, desto offener sind die adulten Katzen, wenn es um Veränderungen und Neues in ihrem Leben geht.

Manchmal ist es aber auch die Erfahrung im späteren Katzenleben, die sie Fremden im eigenen Heim skeptisch gegenüber stimmen. Nicht selten wird die Kuschelzeit jäh durch ein Klingeln an der Tür beendet, weil Frauchen – eben noch gemütlich auf der Couch sitzend – aufspringt und die Kuschelmieze dabei aus dem Land der Träume auf den sprichwörtlichen Boden der Tatsachen befördert. Unmittelbar danach wird die Ruhe zusätzlich durch einen weitgehend fremden Menschen gestört – die Laune ist dahin. Mit jedem Klingeln lernt die Katze also, dass dieser Ton die Ankündigung einer empfindlichen Ruhestörung ist und man besser direkt das Weite suchen sollte. Leider sind auch die meisten Türklingeln ein Graus für die empfindlichen Katzenohren, was die negative Situation zusätzlich verstärkt. Mit entsprechendem Training kannst du deiner Katze helfen, Besuch deutlich gelassener zu nehmen.

Bevor du beginnst: Wie geht es deiner Katze?

Vor jedem Training solltest du prüfen, ob deine Katze gesundheitlich fit ist. Katzen verschleiern ihr Befinden oft, sodass es auf den ersten Blick nicht immer erkennbar ist, dass es irgendwo zwickt und zwackt. Ist euer letzter Checkup-Termin beim Tierarzt schon eine Zeitlang her, nutze die Gelegenheit, deine Samtpfote gründlich durchchecken zu lassen und vergiss dabei nicht, ab etwa dem fünften Lebensjahr auch ihre Zähne kontrollieren zu lassen, die sehr oft von einer schmerzhaften Erkrankung betroffen sind. Hat deine Katze Schmerzen oder fühlt sich nicht wohl in ihrem Fell, hat sie meist auch keine Lust, etwas Neues zu lernen – wer könnte es ihr verdenken?

Als Nächstes ist es sinnvoll, in deiner Wohnung einen kritischen Blick auf mögliche Rückzugsorte zu werfen, von wo aus das Tier sicher und unbemerkt einen Besucher beäugen kann, um sich in seinem Tempo an ihn oder sie zu gewöhnen. Je sicherer sich die Samtpfote beim ersten Blickkontakt fühlt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie deinen Besuch schließlich auch neugierig begrüßt. Je nach persönlicher Präferenz sind höher gelegene Plätze mit Rand oder eine Höhle beliebte Aussichtsplätze. „Sehen, aber nicht gesehen werden“ ist das Motto, mit dem Katzen ihre Umgebung prüfen wollen.

Mit Speck fängt man Mäuse … und wie sieht es mit Katzen aus?

Biete deiner Katze nun regelmäßig tolle Aktivitäten bevorzugt in den Räumlichkeiten und zu den Zeiten an, wo sie wahrscheinlich mit deinem Besuch konfrontiert wird. Durch tägliche Spieleinheiten, ein besonders tolles Leckerchen oder gemütliche Bürsteneinheiten wird der Raum zu einem positiv verknüpften Ort. Er wird sozusagen „aufgetankt“ und deine Katze fühlt sich dort besonders wohl. Ein unmittelbar erreichbarer Rückzugsort ist zudem ein wichtiger Anker, wohin sie flüchten kann, wenn es unerwartet an der Tür klingelt – und von wo aus sie schließlich den ersten vorsichtigen Kontakt aufnehmen kann, wenn sie möchte.

Der erste Besuch sollte eine möglichst ruhige Person sein, die im Umgang mit ängstlicheren Katzen geübt ist oder sich zuverlässig an deine Tipps während des Besuchs hält. Sie sollte deine Katze nur kurz wahrnehmen, dann wieder wegschauen und unbedingt dem Tier den ersten Kontakt überlassen. Je weniger dein Besuch deine Katze beobachtet, desto besser. Insgesamt sollte dein Besuch plötzliche Bewegungen oder laute Geräusche vermeiden. Vielleicht gestaltet ihr eher einen ruhigen Filmabend als ein aufregendes Konsolen-Match.

Zu guter Letzt ist es wie sooft: Übung macht den Meister. Viele kurze und positiv gestaltete Besuche helfen deiner Katze, die Scheu abzubauen und – zumindest in gewissem Maß – Besuch zu tolerieren oder sogar vorsichtig Kontakt aufzunehmen.

Kleiner Katzenknigge für Besucher

Als Besucher/in kannst du helfen, die Katze deiner Freundin an dich als Besucher/in zu gewöhnen. Sprecht euch ab, inwiefern das Klingeln die Katze (noch) in Angst und Schrecken versetzt und du besser kurz anrufst, wenn du vor der Tür stehst. Kommst du in die Wohnung und siehst die Katze in ihrem Versteck, blinzle sie langsam an und schau direkt wieder weg. Das Blinzeln ist unserem menschlichen Lächeln gleich und zeigt dem Hasenfuß, dass du sie freundlich begrüßt. Schaust du direkt wieder weg, signalisierst du ihr, dass du keine Gefahr bist. Sie darf sich entspannen. Je ruhiger du sprichst und dich bewegst, desto besser kann das Tier dich einschätzen.

Traut sie sich tatsächlich aus ihrem Versteck, bleib weiter mit deiner Aufmerksamkeit bei deiner Freundin und vermeide, die Katze aus Neugier zu sehr anzuschauen oder gar auf sie zuzugehen, denn das wirkt bedrohlich. Lass sie an dir schnuppern, wenn sie sich traut und biete deine flache Hand an, dass sie ihr Köpfchen vielleicht vorsichtig an dir reiben kann.

Zuckt sie bei deiner Bewegung zurück, schlägt hektisch mit dem Schwanz oder flackert mit den Ohren, wende ihr deine Seite zu und beachte sie zunächst nicht weiter. Dann ist eure Begegnung noch zu aufregend für sie. Respektiere die Grenzen der Katze und gib ihr die Wahl, zu wie viel Kontakt sie bereit ist.


Carmen SchellCarmen Schell, Inhaberin von Cattalk®, ist als ausgebildete Tierpsychologin (ATN) mit dem Fachgebiet Katze im Rhein-Main-Gebiet, überwiegend rund um Darmstadt und Frankfurt sowie im Online-Coaching tätig. Sie bietet professionelle Unterstützung bei allen Fragen zu der Haltung und Problemverhalten von Samtpfoten. Neben der persönlichen Beratung gibt sie regelmäßig Vorträge und bundesweite Seminare für interessierte Laien und Profis. Ihr Herz hat die Autorin besonders an Katzen aus dem Tierschutz verloren und engagiert sich ehrenamtlich im regionalen Tierschutz.


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