Stress beim Hund

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Stress beim Hund

Stress kennen wir alle. Schließlich gehört er schon lange zu unserem Alltag und prägt unseren Wortschatz. Auch für unsere Vierbeiner gehört Stress mit zum Leben dazu. Schließlich leben sie mit uns in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint und mit vielen Stressoren gespickt ist. Wir möchten dir im Folgenden mehr über Stress beim Hund verraten und aufzeigen, wie du in stressigen Momenten reagieren kannst.

Was ist Stress?

Zunächst ein paar Worte zur Begrifflichkeit und dessen Bedeutung. Stress ist schlichtweg eine unspezifische Reaktion des Körpers, wenn dieser mit gewissen Reizen konfrontiert wird. Er gehört zum Leben dazu, sowohl zu unserem, als auch zu dem unserer Hunde. Stress ist allerdings nicht immer nur schlecht, auch wenn wir es mit diesem Wort automatisch assoziieren. Stress lässt den Organismus reagieren und das auf ganz vielfältige Weise.

Es gibt in unserem Alltag immer mehr Stressoren, die auf unsere Fellnasen einwirken, wie beispielsweise andere Artgenossen, vermehrter Straßenverkehr, Bestandteile der unbelebten Umwelt, aber auch Strafe und Druck im Training, Krankheit, nicht erfüllte Grundbedürfnisse u.v.m. Jeder Hund reagiert auf Stress anders und sollte daher als Individuum betrachtet werden. So lieben es manche Hunde vielleicht, wenn richtig viel Action ist. Während andere Hunde lieber Ruhe und die Nähe zum Hundehalter suchen. Bei manchen Reizen ist durch Gewöhnung eine Minimierung des Stresses möglich. Das bedeutet, regelmäßiges Training und schrittweise Annäherung an den auslösenden Reiz. Es gibt kein Patentrezept, welcher Stressor viel oder wenig Stress beim eigenen Vierbeiner auslösen kann. Für dich als Hundehalter ist es wichtig, deinen Hund gut zu beobachten und Stressanzeichen frühzeitig zu erkennen. So kannst du herausfinden, welche Situationen für deinen Hund mit Bravour zu meistern sind, welche er als sehr stressig empfindet und wo er vielleicht deine Unterstützung benötigt.

Was sind Anzeichen für Stress beim Hund?

Da jeder Hund in einer für ihn stressigen Situation anders reagieren kann, zeigt nicht jeder Hund die gleichen Stressanzeichen und die gleiche Intensität. Folgende Anzeichen können auf Stress hindeuten:

  • verstärktes Hecheln
  • unruhiges Verhalten
  • sich kratzen
  • erweiterte Pupillen
  • Durchfall
  • Verweigerung von Leckerchen
  • übereifrige Reaktionen
  • eingeknickte Hinterhand
  • über die Schnauze lecken
  • vokalisieren wie jaulen, bellen, winseln, fiepen
  • erhöhter Kreislauf
  • Spontanschuppung, d.h. der Hund ist ganz plötzlich übersät mit weißen Schuppen, auch Haare können ausfallen.
  • gähnen
  • niesen
  • blinzeln
  • zittern
  • Schweißpfoten (Hunde haben unter den Pfoten Schweißdrüsen)
  • Stressgesicht

Was tun bei Stressanzeichen?

Erkennst du nun eins oder mehrere dieser Zeichen, heißt es nicht, dass du jetzt in Panik geraten und deinen Hund sofort aus der Situation rausreißen sollst. Es ist wichtig für deinen Hund, so wenig Stress wie möglich sowohl im Training als auch in eurem Alltag zu erleben. Denn nur so kann er sich konzentrieren und auch lernen. Befindet er sich in einer für ihn stressigen Situation, ist lernen nicht möglich. Allerdings ist ein genaues Betrachten der Situation wichtig, um richtig entscheiden zu können, was zu tun ist.

Was sind stressige Situationen für Hunde?

Je nach Situation kann ein anderes Vorgehen sinnvoll sein. Wenn du dir unsicher bist, kontaktiere gerne den Hundetrainer deines Vertrauens zur Unterstützung bei der Stressbewältigung mit deinem Hund.
Ein gewisses Maß an Stress gehört zu unserem Leben dazu. Auch unsere Vierbeiner erleben Stress in ihrem Alltag. Ob Welpe oder Senior, Hündin oder Rüde – Stress kann bei jedem Hund auftreten. Solange dieser nicht überhandnimmt und unser Hund der jeweiligen Situation gewachsen ist, ist er auch nicht schädlich.

Beispiel 1

Du bist mit deinem Hund beim Osteopathen, Physiotherapeuten, Tierarzt oder ähnlichem. Er zeigt Schweißpfoten, verstärktes Hecheln, er vokalisiert, hat einen erhöhten Kreislauf und ist unruhig. Auch wenn du genau erkennst, dass dein Hund Stress hat und sich sichtlich unwohl fühlt, kannst du jetzt nicht aus der Situation rausrennen. Vielleicht ist der Tierarztbesuch unumgänglich, ein Besuch beim Osteopathen oder Physiotherapeuten oft nicht so einfach zu bekommen und absagen oder abbrechen umso ärgerlicher. Du kannst aber mit Hilfe von Managementmaßnahmen das Beste aus der Situation machen. Die meisten Tierärzte erlauben beispielsweise, regelmäßig vorbeizuschauen, um ein ruhiges Verhalten in der Praxis nur zu üben. Vielleicht ist dies eine Möglichkeit für deinen Hund, ruhiger zu werden und weniger Stress zu empfinden. Ein Osteopath bzw. Physiotherapeut ist für solche Situationen ebenfalls geschult und wird sich in kleinen und langsamen Schritten an deinen Hund herantasten und auch nicht so weit gehen, dass dein Hund noch mehr Stress empfindet. Wichtig sind kleine Schritte in die richtige Richtung.

Beispiel 2

Du befindest dich mit deinem Hund im Training. Jedoch findet er das Umfeld bzw. den Ort angsteinflößend und kommt nicht zur Ruhe. Du kannst diverse Stressanzeichen bei ihm erkennen. Am besten ist es in diesem Fall, diesen Ort für das Training zu meiden und ein anderes Umfeld auszusuchen, in dem er entspannt lernen kann. Im Akutfall solltest du das Training an dieser Stelle abbrechen. Wähle einen anderen Ort, an dem dein Hund zur Ruhe kommt und baue das Training kleinschrittig auf. Erst danach macht es Sinn, das Training an andere aufregendere Orte verlegen.

So reagieren Hunde auf Stress: die 4 F’s

Wenn ein Hund in Stress gerät, kann er auf vier unterschiedliche Arten darauf reagieren. Mit diesen Möglichkeiten versucht er, seinen Normalzustand wieder zu erlangen. Wir sprechen im Hundetraining dabei von den sogenannten 4 F’s. Welche dieser vier Strategien der Hund in der jeweiligen Situation zeigt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen von seinen bisher gemachten Erfahrungen, zum anderen vom Charakter und Typ des Hundes. Ist er sehr selbstsicher und sich seiner Stärke und den jeweiligen Situationen bewusst, wird er weniger zur Flucht neigen. Stattdessen wird er wahrscheinlich eher zum Angriff tendieren.

Flucht (Flight)

Hierbei versucht der Hund, aus der jeweiligen Situation zu fliehen. An und für sich keine schlechte Reaktion. Denn schließlich verschwendet er so keine Kraft für einen Angriff und mindert die Gefahr, selbst verletzt zu werden. Wir dürfen dieses Verhalten nicht aus menschlicher Sicht beurteilen. Wir setzen Flucht oft mit Feigheit gleich und werten es als ein Zeichen von Schwäche. Für den Hund ist das Fliehen eine Stressreaktion und gleichzeitig ein Versuch, unbeschadet und selbstständig aus der Situation zu entkommen. Im Alltag stellt uns diese Variante der Stressreaktion allerdings oft vor große Herausforderungen. Hat ein Hund Angst und ist gestresst und wendet diese Strategie an, kann es unter Umständen auch gefährlich werden. Denn wenn er einfach losrennt, kann er sich selbst und andere in Gefahr bringen, zum Beispiel beim Überqueren einer Straße oder ähnlichem. Gerade Tierschutzhunde, die schlechte oder gar keine Erfahrungen gesammelt haben, können schnell die Flucht als sinnvolle Strategie wählen.

Angriff (Fight)

Angriff ist die beste Verteidigung – diesen Spruch wirst du sicherlich auch kennen. Wenn ein Hund unter Stress steht, kann er auch diese Strategie wählen. Dabei müssen wir jedoch unterscheiden, aus welcher Motivation heraus er angreifen will. Hat er Angst oder ist er unsicher, dann greift er an, um sich zu verteidigen. Dabei ist er nicht zu einem Kampf motiviert, sondern verhält sich eher defensiv. Ist er sich seiner Stärke jedoch bewusst, wird er offensiv angreifen. Für den Hundehalter ist diese Art der Stressbewältigung meist sehr anstrengend, nervenaufreibend und unangenehm bzw. peinlich. Denn oft geht es mit lautstarker Vokalisation und übermäßigem Zerren an der Leine einher.

Übersprungshandlung (Flirt)

Bei der Übersprungshandlung befindet sich der Hund in einem inneren Konflikt zwischen zwei möglichen Reaktionsweisen. Wenn beide Verhaltensweisen gleich stark motiviert sind, »springt« der Hund in eine dritte Verhaltensweise, die mit den anderen beiden gar nichts zu tun hat und deplatziert wirkt. Ein gutes Beispiel dafür sehen wir oft beim Rückruf. Der Halter ruft seinen Hund und bückt sich dabei nach vorne. Der Hund kennt das verbale Rückrufsignal und sollte daraufhin kommen. Allerdings vermittelt die Körpersprache (die, nach vorne gebeugte Haltung), dass der Hund fernbleiben soll. Für den Hund stellt diese Situation einen Konflikt dar: Kommen oder Fernbleiben? Oft ist zu beobachten, dass Hunde dann anfangen, auf einmal am Boden zu schnüffeln, sich zu wälzen oder Urin absetzen. Sie drücken damit aus, dass sie Stress haben. Doch leider bleiben Übersprungshandlungen vom Hundehalter oft unentdeckt, weshalb die Vierbeiner dann eine andere Strategie wählen.

Erstarren (freeze)

Bei dieser Variante erstarren Hunden regelrecht in ihrer Position. Der Körper wird dabei ganz hart, kein Muskel bewegt sich mehr. Auch diese Verhaltensweise wird eher selten vom Hundehalter erkannt und entsprechend eingeordnet.

Was kann ich als Hundehalter gegen Stress tun?

Du als Hundehalter kannst Einfluss auf die Situation und den Stresspegel deines Hundes nehmen. Wichtig ist, deinen Hund gut zu beobachten und seine Körpersprache richtig zu interpretieren. Denn gerade bei der Übersprungshandlung werden zum Beispiel Verhaltensweisen (wie am Boden schnüffeln, sich mit dem Köper abwenden, den Kopf drehen oder über die Nase lecken) nicht als solche Stressanzeichen wahrgenommen. Du kannst in Büchern, im Internet oder auch in Seminaren viel über Stress und die verschiedenen Verhaltensweisen lernen, um besser damit umzugehen.

Die Stimmungsübertragung

Ein weiterer einflussnehmender Faktor ist deine Stimmung. Hunde reagieren sehr fein auf die Stimmung ihrer Halter. Kippt die Stimmung des Menschen und er ist nicht nur angespannt, sondern auch genervt und gestresst, kann dies den Hund stressen und so sein Verhalten beeinflussen. Die eigene Stimmung zu erkennen und zu beeinflussen, kann helfen, ruhiger und entspannter durch knifflige Situationen zu kommen. Es ist leicht gesagt, erfordert jedoch etwas Übung. Aber es lohnt sich! Es kann deinem Hund unterstützen nach stressigen Situationen schneller wieder zum Normalzustand zurück zu kehren oder gar nicht erst in Stress zu geraden. Denn er spürt und bemerkt deine Stimmung und kann diese annehmen.

Wie kann ich meinen Hund bei Stress unterstützen?

Je nachdem für welche Strategie sich dein Hund entscheidet, kannst du auch auf unterstützende Hilfsmittel und Managementmaßnahmen zurückgreifen. Neigt dein Hund zum Fluchtverhalten, ist beispielsweise ein Sicherheitsgeschirr nützlich, damit er sich in der entscheidenden Situation nicht aus dem Halsband oder einem normalen Geschirr befreien kann.
Geht dein Hund eher zum Angriff über, kann ein Hundetrainer dich und deinen Hund dabei unterstützen das unerwünschte Verhalten zu verändern. Er wird dir außerdem dabei behilflich sein, vorübergehende Managementmaßnahmen zu finden für die Zeit, in der das Trainingsziel noch nicht erreicht ist bzw. noch kein Training möglich ist.


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften.


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