Straßenhunde: Robert Altermoser im Interview über „everydaystray“

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Straßenhund im Wald portraitiert von Robert Altmoser

Foto: Robert Altermoser

Der Wiener Fotograf Robert Altermoser hat ein Herz für Straßenhunde. Für sein Projekt „everydaystray“ portraitiert er die Hunde, um ein stärkeres Bewusstsein für diese Tiere zu schaffen. Sein Ziel: die Vermittlung von Streunern in ein gutes neues Zuhause.

 

Wie kamst du auf die Idee, ein solches Projekt ins Leben zu rufen?

Das Projekt „everydaystray“ startete Anfang 2017, als ich in Belgrad war, um ein Fotobuch über das letzte und größte illegale Flüchtlingslager Europas zu erstellen. Ich lebte zu dieser Zeit in einem großen LKW in einem Dorf, welches sich in der Nähe von Belgrad befindet. Dieses Dorf war voller Streuner. Nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass die Einheimischen die Hunde sehr schlecht behandelten.  Ich kümmerte mich um die Hunde und fütterte sie, weil ich Mitleid mit ihnen hatte. Danach konnte ich ohne meine neu gewonnenen Freunde im Schlepptau nirgendwohin gehen. Selbst in der Nacht schliefen sie unter meinem LKW. Als ich meine Tür am nächsten Morgen öffnete, warteten mehrere Hunde auf mich. Sie wedelten mit dem Schwanz und folgten mir überall hin. Irgendwann hatte ich sogar Mühe, in meinen Bus nach Belgrad einzusteigen, ohne dass sie direkt hinter mir in den Bus hüpften.

Als ich mein Projekt in Belgrad beendete, war es eine herzzerreißende Erfahrung, diese liebebedürftigen Wesen zurückzulassen. Von diesem Moment an wusste ich, dass die Streuner Liebe und Fürsorge vom Menschen verdienen.

Nach dem Umbau meines Lieferwagens entschied ich mich im Frühjahr 2018 für mein neues Projekt: everydaystray.

Wie lassen sich die Lebensumstände der Streuner beschreiben?

Straßenhunnd

Foto: Robert Altermoser

Die Lebensumstände sind komplett verschieden. Am besten kann ich das mit einer Frage beschreiben, die ich sehr häufig gestellt bekomme – ob ich alle Hunde, die ich fotografiere, “rette“. Die Antwort ist: nein. Erstens, wäre dies durch die hohe Anzahl an Streunern nicht zu bewältigen. Außerdem führen nicht alle Streuner automatisch ein schlechtes Leben.  Es kommt darauf an, in welcher Region die Hunde leben. Ein Straßenhund in einem ruhigen Dorf in den bulgarischen Bergen hat sehr wahrscheinlich einen Unterschlupf und eine Nahrungsquelle.  Die Bewohner kennen und dulden diese Hunde.  Ein Streuner, der an einer stark befahrenen Straße an einer kleinen Haltebucht mit Mistkübeln haust, trägt hingegen ein deutlich höheres Risiko. Ein weiterer Punkt ist sein Gesundheitszustand. Es gibt keinen Grund einen Hund von der Straße zu holen, wenn er gesund, munter und gut genährt wirkt. Die Plätze in Tierheimen sind begrenzt und der nächste Notfall wartet schon an der nächsten Ecke.

Was ist für dich das Besondere an diesen Hunden?

Das Besondere ist eigentlich das Vertraute: Die Hunde ähneln den Haustier-Hunden, die wir alle so lieben. Sie wollen genauso Liebe und Anerkennung vom Menschen, suchen deren Nähe und Schutz. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Diese Ausnahmen entstehen meistens,  wenn Menschen die Hunde schlecht behandeln.

Letztlich möchtest du ja dabei helfen, die Streuner zu vermitteln – wie gelingt dir das bei deinem Projekt?

Durch meine Bilder wurden schon einige Hunde adoptiert. Es geht mir aber vorrangig wirklich um die Bewusstseinsschaffung.  Für mich ist es wichtig, dass die Menschen verstehen, wie viele Hunde es bereits auf der Welt  gibt, die ein Zuhause suchen (Rassehunde, Welpen, junge Hunde, alte Hunde usw.). Je mehr Leute die Lage verstehen, desto häufiger adoptieren sie die Hunde.

Wo liegen die Probleme bei der Vermittlung von Streunerhunden?

Das Hauptproblem ist sicherlich, dass man den Hund nicht kennt. Im Idealfall holt man den Hund ab oder besucht davor persönlich den Shelter, um sich den passenden Hund auszusuchen. Außerdem haben ältere Hunde vielleicht ein paar Verhaltensauffälligkeiten. Sie brauchen genug Zeit zum Eingewöhnen. Dabei meine ich keine drei Wochen, sondern sechs Monate. Ich erlebe es leider sehr oft, dass Menschen, die einen Hund adoptieren, nach ein paar Tagen aufgelöst den Shelter kontaktieren und dieses und jenes an einem adoptierten Hund bemängeln. Ich arbeite nur mit seriösen Heimen zusammen. Sie achten sehr genau darauf, welcher Hund an welches Zuhause geht und darauf, ob Besitzer und Hund zusammen passen. Der Transport ist immer professionell geregelt.

Es ist ratsam, einen Hund aus einem vertrauenswürdigen Tierheim zu adoptieren und sich bestenfalls selbst ein Bild über seinen neuen besten Freund zu machen.

Welche „Streuner“-Geschichte hat dich besonders berührt?

Ich denke am meisten hat mich die persönliche Rettung einer Hündin berührt, die jetzt Cloud heißt. Als ich Cloud in einem kleinen Waldstück im tiefen Schnee fand, war sie mit einer Schnur an einen Baum angebunden und hätte nicht mehr lange überlebt.

Von dieser Rettung gibt es ein Video:

Ich habe die Hündin mit in meine Unterkunft genommen, gefüttert, aufgewärmt und war mit ihr beim Tierarzt.  Bereits zwei Tage später gab es einen Interessenten für ihre Adoption. Heute lebt sie komplett umsorgt in Wien und führt ein Traumleben eines jeden Hundes.

Wie kann man dich bei deinem Projekt unterstützen?

Es gibt verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten. Es wäre eine große Hilfe, meine Social Media Kanäle zu abonnieren. Dazu zählen mein Instagram Account und mein neuer YouTube Channel, in dem ich über meine Erlebnisse und die Arbeit mit den Hunden berichte. Außerdem ist es möglich,  Abzüge meiner Bilder zu kaufen, um mich finanziell bei meiner Arbeit zu unterstützen. Vor zwei Monaten habe ich ein limitiertes Magazin veröffentlicht und alle Exemplare verkauft. Die nächste Edition folgt im März/April. Über meine Homepage ist es möglich, zu spenden. Ich erkläre dabei immer, wie ich diese Spenden investiere.

Wo geht es für dich als nächstes hin?

Bis Ende Februar bleibe ich in Bulgarien, weil der verschneite, eisige und  kalte Winter (bis zu -20 Grad) die Tiere ziemlich strapaziert. Im März und April bin ich in Wien und Berlin, wo ich jeweils eine Ausstellung plane. Ende April fahre ich in die Ukraine, um mich dort wieder circa sechs Monate um die Straßenhunde zu kümmern.

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