Leinenaggression bei Hunden

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Leinenaggression bei HundenDein Vierbeiner ist im Alltag sehr freundlich und zeigt keine auffälligen Verhaltensmuster – bis auf die Sache mit der Leinenaggression? Du fragst dich, wie das passieren konnte? Vielleicht erscheint dir diese Entwicklung wie ein schleichender Prozess und du kannst den Auslöser für das aggressive Verhalten nicht eindeutig bestimmen. Mal kannst du an anderen Menschen und Hunden vorbeigehen und mal nicht. Du wünschst dir aber nichts sehnlicher, als wieder harmonisch und in Ruhe mit deinem Hund spazieren zu gehen? Dann bist du hier richtig.

Leinenaggression – Ein Fallbeispiel

Herr Meinke geht mit seinem Berner Sennenhund Anton an der Leine spazieren. Die Beiden sind seit circa einer Stunde unterwegs und heute ist ein verzwickter Tag. So viele Hundebegegnungen gab es schon lange nicht mehr bei einem Spaziergang. Da der Tag sehr schwül ist, bereut Herr Meinke bereits, dass er die große Runde gewählt hat. Er spürt, dass er immer angespannter wird und Anton, der grundsätzlich ein freundlicher und gemütlicher Gefährte ist, hechelt stark und wirkt gestresst.

150 Meter vor der rettenden Gartenpforte des Zuhauses, sagt Herr Meinke zu Anton: So mein Großer, jetzt haben wir es fast geschafft. Mit dieser Aussage entspannt sich Herr Meinke und sieht sich gedanklich schon zu Hause mit einer Tasse Kaffee. Anton würde seine Kaustange bekommen, denn das ist ihr alltägliches Ritual nach dem Spaziergang. In diesem Moment kommt Antons Erzfeind Willie (ein junger pubertierender Schäferhund) um die Ecke gerannt, frontal auf Herrn Meinke und Anton zu. Vor lauter Schreck zieht Herr Meinke fest an der Leine und greift ins Halsband von Anton. Herr Meinke steht unter Adrenalin und Anton versucht, sich aufzubäumen und bellt imposant los. Herr Meinke kann Anton kaum noch halten und kommt fast zu Fall. Willie bleibt abrupt stehen und kläfft gegen an, bis er nach gefühlten 5 Minuten endlich den Rückzug antritt und Herr Meinke und Anton völlig aufgelöst den Weg nach Hause finden.

Bei jedem Hund, der Willie in Größe und Farbe ähnlich sieht, greift Herr Meinke nun immer reflexartig in die Leine, nimmt Anton kürzer und versucht schnell durch die Begegnungen durchzugehen. Nach dem Prinzip „Augen zu und durch“. Folglich zeigt Anton aber immer stärker werdendes Aggressionsverhalten an der Leine bei immer mehr Hunden.

Hundeverhalten in Konfliktsituationen

Eine Leinenaggression findet, wie der Name schon sagt, dann statt, wenn der Hund sich an der Leine befindet. Hunde bringen von Natur aus Strategien mit, die sie in Konfliktsituationen nutzen können, damit es im sozialen Verbund nicht zu ständigen Beschädigungen oder Verletzungen kommt. Im Zusammenleben in unserer Gesellschaft gehören Hundebegegnungen zu unserem Alltag dazu und daher sind Stressbewältigungsstrategien sehr wichtig. In der Fachsprache nennt man diese Ausdrucksverhalten die 4 F’s.

Die 4 F’s:

flirt : Übersprungsverhalten
freeze : Erstarren
flight : Flucht
fight : Angriff

Hunde nutzen  alle vier Strategien und setzen sie so ein, wie es die Situation erfordert.
Um beispielsweise ein Fluchtverhalten zeigen zu können, benötigen Hunde aber Raum zum Fliehen, um einen Bogen zu laufen oder die Richtung zu wechseln. Anton konnte deshalb an der Leine nur in den Angriff gehen, um Distanz zu schaffen. Alle anderen Strategien hätten keinen Erfolg gezeigt.

Aus Sicht des Hundes folgt daraus: Er hat alles richtig gemacht. Dennoch ist dies kein Verhalten, dass man mit seinem Hund auf Dauer durchleben möchte. Stress für beide Enden der Leine!

Wie kannst du deinem Hund helfen und die Leinenaggression beenden?

Um Expertenrat fragen. Merkst du, dass du unsicher bist und dich hilflos fühlst, suche Rat und Training bei einem erfahrenen Hundetrainer. Fackel hier nicht lange und probiere dich auch nicht einfach so aus. Das Thema Leinenaggression ist sehr komplex und viele Fragen müssen beantwortet werden. Ein Profi unterstützt mit Fachwissen und schaut neutral auf dich und deinen Hund.

Stimmung beachten. Für den Übergang versuche solchen Situationen frühzeitig aus dem Weg zu gehen. Bis dein Training gelingt (leider dauert es ein paar Wochen), solltest du den Fokus darauf legen, ungewünschte Treffen mit Artgenossen frühzeitig zu umgehen. Lieber keine Begegnung als schlechte Begegnungen, in denen sich dein Hund auch noch darin bestätigt sehen würde Aggressionen zu zeigen.

Leinenführigkeit testen. Überprüfe schon mal die grundlegende Leinenführigkeit. Schaffst du es entspannt mit deinem Hund ohne Ablenkung mit durchhängender Leine spazieren zu gehen? Wenn nein, solltest du die Leinenführigkeit trainieren, denn wenn er ohne Ablenkung nicht auf dich hört, warum sollte er es mit Ablenkung tun? Hier kann also schon trainiert werden.

Das Ziel sollte es sein, dass du mit deinem Hund völlig entspannt an anderen ablenkenden Reizen vorbei gehen kannst. Weder dein Hund noch du reagieren, sondern du orientierst dich nur an deinem Ziel und dein Hund sich an dir, egal, wer oder was kommt.

 


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften. Als Dozentin ist Kristina Ziemer-Falke sehr gefragt und deutschlandweit auf Seminaren und Vorträgen zu Themen rund um den Hund anzutreffen.


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