Vom Wolf zum Hund – Zur Entwicklungsgeschichte des Hundes

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WolfDer Wolf ist kein Kuscheltier. Er ist ein Beutegreifer. Er ist sogar ein sogenannter Spitzenprädator. Das heißt er steht ganz oben in der Nahrungskette. Kein anderes Tier ist vor ihm sicher. Früher jagten Wölfe die riesigen Mammuts. Heute jagen sie die mächtigen, sehr wehrhaften Bisons oder Moschusochsen – wo es sie noch gibt – ganz im Norden Amerikas. Der Wolf ist keineswegs der stärkste Beutegreifer. Aber er hat ein viel effektivere Waffe: Die Gemeinschaft; die kollektive Jagd als effizient arbeitende Gruppe und vor allem den sozialen Zusammenhalt.

Eiszeit: Direkte Konkurrenten im Überlebenskampf…

Dass aus dem Wolf einmal der beste Freund des Menschen erwachsen sollte, ist zunächst sehr verwunderlich. Denn Wölfe waren in der Eiszeit die unmittelbaren Konkurrenten der Menschen. Unsere Vorfahren wanderten vor etwa 45.000 Jahren in Mittel- und Nordeuropa ein. Der nördliche Teil war von riesigen Gletschern bedeckt. Wo heute der Rhein fließt, erstreckte sich eine riesige, bis zum Ural reichende Kaltsteppe. Hier grasten riesige Herden. Vorne dran das Mammut, größer als ein heutiger Elefant, daneben Büffel, Rentiere, Riesenhirsche oder die imposanten Fellnashörner. Alles Beute für den Wolf – und den neuen Eindringling, den Homo sapiens.

Die Jagd auf solch großes Wild in einer baumlosen Steppe war für unsere Vorfahren neu. Vielleicht schauten sie sich die Vorgehensweisen vom Wolf und vom Neanderthaler ab. Jedenfalls lernten die Eiszeitjäger sehr schnell, Mammuts zu jagen. Unsere Vorfahren verdrängten den Neanderthaler – wobei dieser genetisch in uns ein wenig weiter lebt – und sie verdrängten den Wolf bis in die heutige Zeit, so dass auch dieser in Europa weitgehend ausstarb.

…schließen ein Bündnis

Das wäre aber nur die halbe Wahrheit. Denn in Form des Hundes wurde der Wolf zum heute erfolgreichsten Säugetier der Welt – nach dem Mensch. Dazu musste er allerdings zum Hund werden. Wie das genau begann, wissen wir (noch) nicht. Aber es begann! Sonst hätten wir heute keine Fellnasen auf dem Sofa. Es gibt einige Indizien, aus denen wir eine Vorstellung ableiten können.

Soziale Jäger

Der Eiszeitmensch lebte wie der Wolf in kleinen Gruppen, die auf der Großfamilie basierten. Er jagte dasselbe Großwild mit denselben kollektiven Methoden als Hetzjäger in exakt demselben Biotop. Beide Spezies ziehen ihren Nachwuchs als Gruppe auf. Sie sind innerhalb der Gruppe hoch sozial und quasi basisdemokratisch ausgerichtet. Es gibt Anführer, aber diese haben mehr Pflichten als Rechte. Die zeitweilige Führungsrolle basiert auf durch Leistung erworbene Anerkennung. Als soziale Großwildjäger konnten sich beide in andere Gruppenmitglieder und sogar in das Verhalten der Beutetiere, also einer anderen Tierart, hineinversetzen. Zudem brauchten sie eine leistungsfähige Kommunikation ob mit oder ohne Sprache. Die hierzu erforderlichen genetischen und neurobiologischen Strukturen kann man heute anhand moderner Verfahren nachweisen. Archäologen liefern anhand von Fossilien und anderen Ausgrabungen weitere Indizien über die Lebensweise in dieser Epoche. Wir wissen recht genau, wie die Natur vor 20- oder 40-tausend Jahren ausgesehen hat. Das waren die Rahmenbedingungen.

Verbunden seit der Steinzeit

Entscheidend waren die sozialen und die psychischen Faktoren, die das Bündnis zwischen Wolf und Mensch überhaupt ermöglichten und zur Realität werden ließen. Diese Faktoren sind noch heute lebendig. Sie sind die Basis der besonders engen Mensch-Hund Bindung, die wir Hundehalter täglich erleben und genießen dürfen. Wenn wir die Entwicklungsgeschichte des Hundes kennen, verstehen wir unseren Hund und auch uns selber ein bisschen besser.

Früher gab es viele Wolfsarten

Im Oktober 2017 konnte ich an der ersten nordamerikanischen „Canine Science Conference“ in Phoenix, Arizona, teilnehmen. Dort sprachen führende Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Professor Robert Wayne von der University of California berichtete, dass die zoologische Familie der Hunde (Canidae) früher eine viel größere Artenvielfalt hatte. Noch vor 30- oder 40.000 Jahren, im Zeitfenster der Herausbildung des Hundes, gab es viel mehr Spielarten des Wolfes. Fast alle sind inzwischen ausgestorben, wahrscheinlich auch durch die immer mächtigere Präsenz des Menschen. Die Genanalysen sprechen dafür, dass der Hund von einer Wolfsvariante abstammt, die heute ausgestorben ist. Neu auch für mich war die Information, dass der Hund dem europäischen Wolf (Canis lupus lupus) genetisch näher steht, als dieser den heutigen Wölfen der Polargebiete (Canis lupus arctos). All diese verschiedenen Wolfsvarianten zählten und zählen zu einer Spezies, dem Canis lupus, oder zu dessen Subspezies wie der Hund (Canis lupus familaris).

Wölfe waren nicht immer scheu

Die Wölfe der Altsteinzeit darf man sich nicht so scheu vorstellen wie unsere Wölfe heute, die Jahrtausende lange, gnadenlose Verfolgung durch den Menschen erleiden müssen und daher den Menschen meiden. Man kann dies auf Ellesmere Island, ganz im Norden Kanadas, noch heute erleben. Die Wölfe dort kennen den Menschen nicht als Feind. Forschern wie David Mech gelang es, mit diesen sehr kräftigen, wirklich wilden Polar-Wölfen, Freundschaft zu schließen. Sie ließen ihn nach einiger Zeit sogar mit den Welpen spielen. Das könnte in der Steinzeit ähnlich gewesen sein.

Gemeinsam sind wir stark

Vielleicht kannte man sich seit Jahren durch dieselbe Jagd, durch den gemeinsamen Lebensraum. Vielleicht entstand neben der Konkurrenz Vertrauen untereinander. WolfsrudelDie Vorteile einer Kooperation waren überzeugend. Denn es gab ja noch viele andere, mächtige Konkurrenten. Es gab die riesigen Höhlenbären und -löwen, es gab große Hyänen, vielleicht sogar vereinzelt Säbelzahntiger. Und es gab die Konkurrenz unter den Gruppen der eigenen Art. War ein Mammut erst einmal erlegt, kamen viele ungebetene Interessenten zum Riss. Gemeinsam konnte man diesen viel effektiver verteidigen. Der Mensch hatte seine Intelligenz, seine Waffen und das Feuer. Der Wolf hatte die viel schärferen Sinne und Kraft. Gemeinsam sind wir unschlagbar. Das war noch vor kurzer Zeit ein realer Überlebensfaktor bei den Eskimos etwa im Kampf mit Eisbären.

Vielseitiger Arbeitspartner

Die zum Hund werdenden Wölfe lagerten mit ihren Menschen, bewachten und beschützten diese. Kinder und Welpen spielten miteinander. In den kalten Nächten der Eiszeit wärmte man sich gegenseitig, wie es die Nenzen in Sibirien mit ihren Samojeden-Hunden noch heute tun. Die Hunde zogen die Gestelle mit dem Hab und Gut des Clans bei den Wanderungen und später die Schlitten. Das konnten 2017 sibirische Archäologen anhand von 7 gut erhaltenen Hundeskeletten und Schlittenresten nachweisen, die auf ein Alter von 8000 Jahren datiert wurden. Eiszeitjäger und ihre Hunde entwickelten erfolgreiche Jagdmethoden. Diese verbreiteten sich schnell auch in südlichere Gegenden. So fanden Archäologen auf der arabischen Halbinsel mehr als 200 in Stein gemeißelte, individuelle Abbildungen von Hunden bei der gemeinsamen Jagd mit Menschen. Sie werden auf ein Alter von 8 bis 9000 Jahren geschätzt.

Weniger Stress macht sozialer

Die eigentliche Triebfeder dieser Erfolgsstory der Evolution liegt in deren inneren Werten. Durch die Zusammenarbeit hatten unsere Vorfahren, aber auch die Hunde weniger Stress im Überlebenskampf (siehe Artikel „Hunde sind gut für unsere Psyche“). Man konnte sich aufeinander verlassen, man wusste um die gemeinsame Stärke. Ein niedrigeres Stress-Niveau schafft Freiraum für kreatives Denken und macht vor allem sozialer. Weniger Stress verbessert das Lernverhalten. Gleichzeitig begünstigt es den kulturellen Fortschritt, die Entwicklung von Handel und den Aufbau größerer sozialer Strukturen. Weniger Stress stärkt das Immunsystem.

Hund ordnet sich in die sozialen Regeln des Menschen ein

Dieser Abbau des Stressniveaus kann bei Hund wie Mensch nachgewiesen werden. Der Hund ordnete sich schließlich in die sozialen Regeln des Menschen ein. Sie wurden zu seinen. Er wurde zum mit Abstand wichtigsten und vielseitigsten Arbeitspartner des Menschen. Und er wurde zu unserem besten Freund. Mit dem Modell der „Aktiven sozialen Domestikation“ haben die Ärztin Daniela Pörtl und ich diese Zusammenhänge schon 2012 beschrieben. Auf der oben bereits genannten „Canine Science Conference“ in den USA konnte das Modell der internationalen Fachwelt vorstellt werden.

 


Christoph JungChristoph Jung Seit seiner Kindheit gehören Hunde zu den besten Freunden des Hundeforschers. Die Beziehung Mensch – Hund ist für ihn ein faszinierendes Thema, das ihn täglich beschäftigt und für das er sich auch öffentlich engagiert. Aus seiner täglichen Forschung entstand das Buch „Tierisch beste Freunde“. Jung lebt mit seiner Familie und seinen Hunden in der Nähe von Halle.


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