Parasiten im Herbst

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Parasiten im Herbst

Wenn man derzeit aus dem Fenster schaut, sieht man auf den ersten Blick, dass es tiefster Herbst ist. Da ist man doch gleich froh im warmen Kämmerlein zu sein, oder? Weil uns aber so manche Parasiten im Herbst gerne dahin folgen können, werfen wir einen genauen Blick darauf welche Lästlinge unseren Haustieren aktuell nachstellen.

Flöhe

Herbst ist alljährlich die Hochsaison für Flöhe – die springenden Parasiten im Herbst. Sie suchen sich ein befelltes Taxi in die beheizten Wohnungen und nutzen dafür gerne Hund und Katze. Meist steckt sich Hund oder Katze beim jeweiligen Artgenossen an. Aber auch niedliche Igel sind nicht selten regelrechte Parasiten-Mutterschiffe von denen oftmals gleich mehr als nur ein oder zwei Flöhe überspringen können, wenn man versucht auf Tuchfühlung zu gehen.

Da die Zeckenaktivität in der kalten Jahreszeit zwar deutlich nachlässt (jedoch übrigens nie verschwindet) verzichten viele Tierhalter auf die chemische Prophylaxe in Form von Tabletten, Spot-Ons oder Halsbändern. Diese Produkte halten allerdings in der Regel neben Zecken auch Flöhe ab. Ohne diesen Schutz haben es die kleinen Hüpfer dann sehr einfach.

Klugscheißer-Wissen: mit 1mm Größe kann ein Hundefloh bis zu 25cm hoch springen. Verglichen mit einem Menschen müsste dieser mehr als 400m an Höhe mit einem einzigen Sprung schaffen. Wahnsinn, oder?

Ein paar Beispiele für die Höhen berühmter Bauwerke:

  • Kölner Dom = 157m
  • Eiffelturm = 324m
  • Berliner Fernsehturm = 368m

Symptome bei Flöhen

Das absolute Hauptsymptom bei einem Flohbefall ist Juckreiz. Meist tritt er anfallsartig auf wenn ein Floh sein Wirtstier sticht bzw. beißt und dadurch den Reiz setzt. Natürlich gilt ein gefundener Floh auf einem Tier als Beweis für einen Befall. Unter Umständen kann dies aber nicht gelingen, stattdessen findet man (gerade wenn der Befall schon etwas länger andauert) oftmals schwarze kleine Krümel im Fell des Tieres – gerade im Bereich des Rückens bis zum Schwanzansatz, sowie auch auf Schlafunterlagen oder im Körbchen.

Diese Krümel sind der Kot der Parasiten und bestehen hauptsächlich aus dem Blut des Wirtstieres. Wenn man sich nicht sicher ist ob es es sich tatsächlich um Flohkot oder doch eher um Druck, Staub o.ä. handelt, lässt sich dies mit ein paar Tropfen Wasser testen. Dazu werden die Krümel auf ein weißes Taschentuch gebracht und mit ein paar Tropfen Wasser benetzt. Wenn sie sich binnen einer knappen Minute rötlich verfärben ist dies ein Beweis dafür, dass es sich um getrocknetes Blut handelt. Damit gilt ein Flohbefall als bewiesen.

Flöhe wieder loswerden

Die Therapie stellt sich in der Regel deutlich schwieriger dar als bei Zecken, denn Flöhen wohnen nur temporär auf ihrem Wirt und verlassen ihn zwischenzeitlich um ihre Eier in der Umgebung abzulegen – gerne hinter Fußleisten, in Couchritzen oder gar zwischen Bodendielen.

Bei starkem und anhaltendem Befall kann daher eine Behandlung der Umgebung in Ausnahmefällen nötig werden (Sprays, Fogger u.ä.). In den absolut meisten Fällen reicht jedoch die reine Behandlung des Wirtstieres aus. Hierbei nutzt man sozusagen sein Haustier als eigenen befellten Kammerjäger, der die Flöhe in jedem Raum einsammelt.

Wenn mehrere Tiere im Haushalt wohnen (egal ob Hunde oder Katzen), sollte der ganze Bestand behandelt werden um eine Reservoirbildung zu vermeiden.

Bei der Reinigung der Wohnung mit einem Staubsauger gibt es drei kleine Tipps:

  1. bei Geräten mit einem Beutel sollte dieser sofort nach Nutzung weggeworfen werden damit eingesaugte Parasiten nicht mehr im Wohnbereich herauskrabbeln können
  2. eine im Beutel hinterlegte Mottenkugel kann helfen, da Mottenkugeln in der Regel Flöhe auf so kurze Distanz zuverlässig ausschalten
  3. bei beutellosen Geräten sollte der aufgesaugte Inhalt nach jeder Nutzung umgehend in die Mülltonne außerhalb des Gebäudes entleert werden

Ist eine Übertragung auf Menschen möglich?

Die schlechte Nachricht ist JA – Flöhe können auf Menschen überspringen (auch wenn wir ihnen nicht wirklich ’schmecken‘). Denn Flöhe sind eher wirtsspezifisch und haben sich meist auf eine Spezies spezialisiert. So gibt es beispielsweise den Hunde- oder auch den Katzenfloh. Selbstverständlich aber auch einen Menschenfloh, der aber auch gerne Schweine befällt.

Dennoch probieren die Flöhe unserer Haustiere auch mal bei uns: dies geschieht meist an Unterarmen und Unterschenkeln (weil dort unsere Haut recht dünn ist). Flöhe beißen meist mehrfach hintereinander oder im Dreieck da sie Blutgefäße nur schlecht auffinden können. Diese Bisse bzw. Stiche schmerzen nicht aber jucken wirklich massiv – bei einer vorliegenden Allergie gegen den Flohspeichel kann dies zu regelrechten Selbstverstümmelungen bei Haustieren kommen.

Besonders betroffen können krabbelnde Kleinkinder sein, da sie sich zum Einen sehr nah am Boden aufhalten und mitunter mit extremen Hautausschlägen auf die Parasiten reagieren können – bei dieser Risikogruppe gilt daher besondere Vorsicht.

Flöhe beinhalten übrigens nicht selten Eier von Bandwürmern! Wenn ein Hund oder eine Katze einen Floh bei der Fellpflege erwischt, gegebenenfalls zerkaut und runterschluckt, kann das nachweislich zur Infektion mit Bandwürmer führen. Daher sollte einige Zeit nach abgeschlossener Flohtherapie eine Entwurmung in Betracht gezogen werden. Entweder per Diagnostik mithilfe einer 3-Tage-Sammelkotprobe um einen möglichen Wurmbefall ausschließen oder ggf. blind zu entwurmen.

Klugscheißer-Wissen: Die Pest wird übrigens nicht von Ratten übertragen – es sind deren Flöhe.

Herbstgrasmilben

Diese noch deutlich kleineren und daher schwer zu findenden Plagegeister sind besonders im Herbst hochaktiv. In der Tierarztpraxis sind meist Hunden vorstellig, die von den kleinen Parasiten im Herbst regelrecht gequält werden. Im Aussehen gleichen sie winzigen orangenen Kügelchen auf der Haut (vereinzelt oder zu regelrechten Kolonien verklebt). Im englisch-sprachigen Raum werden sie dementsprechend als ‚red bugs‘ bezeichnet.

Wichtiges Klugscheißerwissen: bei diesen Parasiten handelt es sich um Larven. Die ausgewachsenen Milben (auch Erntemilben genannt) leben hingegen räuberisch und ernähren sich von kleinen Insekten. Da die Larven der Herbstgrasmilben leider alles Andere als wählerisch sind, ist so ziemlich jedes Tier ein willkommenes Opfer – von Vögeln über Mäusen, Hunde und Katzen bis hin zu uns Menschen.

Der Lebenszyklus der Herbstgrasmilbe

Die parasitischen Larven sitzen an Grashalmspitzen, auf Erderhebungen oder in gefallenem Laub und warten dort teilweise zu Hunderten auf ihre potentiellen Wirte. Haben sie es geschafft und konnten sich erfolgreich anheften, nehmen sie in der Regel drei Tage lang mit einem Saugrüssel verflüssigtes Gewebe mit Blutanteilen auf. Anschließend fallen sie von ihrem Wirt ab und verwandeln sich über ein Nymphenstadium zur erwachsenen Milbe. Als erwachsene Milbe überdauern sie den Winter im Boden.

Im kommenden Frühjahr kommen sie dann wieder zum Vorschein und der Zyklus beginnt von vorn.

Symptome bei Herbstgrasmilben

Ähnlich wie beim Flohbefall steht anhaltender Juckreiz (hier jedoch besonders kurz nach dem Spaziergang im Bereich der Pfoten) im Fokus als Hauptsyptom. Dieser Juckreiz kann derart stark ausgeprägt sein, dass sich Hunde ihre Pfoten regelrecht bis auf die Knochen aufbeißen können. In absoluten Ausnahmen kann es durch den ununterbrochenen Stress sogar zu Krämpfen kommen.

Die Empfindlichkeit auf Herbstgrasmilben variiert von Tier zu Tier – Manche zeigen kaum Symptome wohingegen sich Andere fast zu Tode kratzen und dabei gänzlich die Futter- sowie Wasseraufnahme verweigern. Unter Umständen kann sogar eine unklare Lahmheit das Hauptsymptom sein.

Herbstgrasmilben wieder loswerden

Als Therapie hat sich das Abspülen der Beine mit Wasser und Seife direkt im Anschluss an den Spaziergang bewährt. Es existieren zwar mehrere Wirkstoffe, die eine gewisse abhaltende Wirkung haben, in der Regel ist das Ergebnis jedoch nicht zufriedenstellend. Um einen Befall zu verhindern sind da Schutzschuhe an den Hundepfoten beim Spaziergang (gerade bei Graskontakt) bedeutend zuverlässiger – natürlich nur wenn der Hund sie toleriert.

Jedes Jahr ist mit dem ersten Frost gottseidank der Spuk über Nacht vorbei, denn alle bis dahin nicht erwachsenen Milben überleben die Kälte nicht und gehen ein. In Asien können Herbstgrasmilben übrigens Rickettsien (bakterielle Erreger) übertragen und dadurch das sogenannte Tsutsugamushi-Fieber auslösen. Hier in Europa übertragen sie derzeit (noch) keine Erreger. Das können jedoch die nun folgenden Parasiten im Herbst, die leider zu oft in der kalten Jahreszeit vergessen werden.

Zecken

Der Klimawandel und die damit zusammenhängende Erderwärmung führt nachweislich zu einem deutlichen Anstieg der Zeckenpopulation in den vergangenen Jahren in Deutschland – sowohl in Anzahl als auch Aktivitätsdauer. Heutzutage sind Zecken in unseren Breiten das gesamte Jahr über aktiv – zwar in der warmen Jahreshälfte um Einiges aktiver aber dennoch im tiefsten Winter nie ganz eingeschränkt. Dank der Erderwärmung gab es im Großteil Deutschlands in den vergangenen Wintern keine anhaltenden Frostphasen mehr. Dadurch wurde die Zeckenpopulation seit einiger Zeit nicht mehr wetterbedingt minimiert. Die drei wichtigsten Zeckenarten sind neben dem sogenannten Gemeinen Holzbock, die Auwaldzecke und die Braune Hundezecke.

Neben einer möglichen Wundinfektion geht die Hauptgefahr beim Zeckenstich von einer Übertragung von Infektionserregern aus. Zecken bilden bei einer solchen Übertragung den sogenannten Vektor – sie sind der Überträger. Gerade dieses Jahr haben wir besonders viele zeckenübertragene Erkrankungen bei Patienten feststellen können – allen voran die Anaplasmose.

Anaplasmen sind Bakterien. Sie werden laut diverser Studien erst ca. 24 Stunden nach Stich einer infizierten Zecke übertragen. Bis dahin muss der Parasit von seinem Wirtstier entfernt werden. Dies kann entweder durch gewissenhaftes manuelles Absammeln geschehen. Es existieren jedoch heutzutage auch mehrere rezeptpflichtigen Wirkstoffe, die repellierend (abschreckend) auf Zecken wirken. Desweiteren gibt es Tabletten oder Spot-Ons, die Zecken zuverlässig kurz nach Kontakt mit dem Wirtstier töten bevor es zur Übertragung von Anaplasmen kommt.

Symptome bei Anaplasmose

Die Symptome bei einer Anaplasmose sind selten eindeutig. Meist sind sie eher unspezifisch und können viele weitere Ursachen haben. Hohes Fieber (oftmals in Schüben bis zu 41 oder gar 42°C) ist sehr häufig und schwächt betroffene Patienten immens. Viele Infizierte zeigen eine ausgeprägte Bewegungsunlust mit oder ohne Lahmheiten. Sie wirken teilnahmslos und fressen kaum. Blasse Schleimhäute sind ebenfalls nicht selten zu finden.

Gerade beim Auftreten dieser Symptome sowie dem Wissen über erfolgte Zeckenstiche sollte unbedingt die entsprechende Labordiagnostik angestoßen werden. Bei einem entsprechend positiven Blutbefund ist das Mittel der Wahl eine spezielle Antibiose über mindestens 3 Wochen. Wenn man die Dosis auf morgens und abends aufteilt, anstatt sie komplett 1x täglich zu verabreichen, wird das Medikament meist deutlich besser vom Patient vertragen, so dass es kaum zu Durchfällen o.ä. als unerwünschte Nebenwirkungen kommt. Unter Umständen und gerade bei fortgeschrittenem Stadium können ergänzende symptomatische Behandlungen erforderlich sein – diese variieren jedoch von Fall zu Fall.

Prognose

Die Prognose ist bei schnell eingeleiteter Diagnostik und erfolgreicher Antibiose gut. Dennoch darf man die Anaplasmose nicht unterschätzen da sie unbehandelt meist tödlich endet. Aus diesem Grund sollte bei Verdacht eine entsprechende Diagnostik sofort und ohne Verzögerung eingeleitet werden.

Parasiten im Herbst: ein Blick in die Zukunft

Es trifft meist ungeschützte oder mit unwirksamen Hausmittelchen behandelte Hunde. Dies ist keine Legende, sondern meine Erfahrung, die in meinem Berufsalltag leider häufig machen musste. Es existiert eine seit Jahren anhaltende Online-Diskussion, ob umgangssprachliche ‚Chemie‘ nötig bzw. sinnvoll ist. Wofür man sich entscheidet, bleibt jedem Tierhalter selbst überlassen – ich bitte aber eine durchaus mögliche Anaplasmose in die Entscheidungsfindung mit einfließen zu lassen.

Sollte die Klimaerwärmung sich weiter so ungebremst fortsetzen können, ist es durchaus möglich, dass wir uns zukünftig selbst in Deutschland mit der ein oder anderen bisherigen ‚Tropenkrankheit‚ rumärgern dürfen. So könnte beispielsweise die Leishmaniose, ausgelöst durch einen einzelligen Blutparasiten, in naher Zukunft in Deutschland übertragen werden. Gerade wenn die Winter so mild werden, dass die Sandmücken, die bei diesem Parasiten als Vektor fungieren, hierzulande überleben und sich vermehren können. Leishmaniose ist übrigens nur eine von vielen Krankheiten, die sowohl Tiere wie auch Menschen befallen können.

Man sieht selbst hier, dass Umweltschutz uns alle betrifft.

Passt auf Euch und Eure Lieben auf…


Sebastian Goßmann-JonigkeitTierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit ist seit 2012 praktizierender Tierarzt für Kleintiere in Engelskirchen bei Köln. Dort leitet er die Praxis gemeinsam mit seiner Frau. Sein Faible gilt der Zahnmedizin für Hunde und Katzen – daher fühlt er sich zwischen Dentalröntgen und Zahn-OP auch besonders wohl. In seiner Freizeit bloggt er auf Facebook und Instagram.


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